Oldenburg /Berlin Junge deutsche Filmemacher haben offenbar ein Faible für Skurriles und obendrein Erfolg damit. Wer sich über Maren Ades preisgekröntes Werk „Toni Erdmann“ amüsiert hat, ist bei Julian Radlmaier bestens aufgehoben. Sein neuer Film „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ ist so schräg, wie es der Titel schon erahnen lässt – satirischer Unsinn, kombiniert mit politischem Hintersinn und märchenhaften Elementen. Eine gewagte Mischung, die aber durchaus ihren Reiz hat.

Der schlaksige Filmemacher Radlmaier (Jahrgang 1984) ist nicht nur der Regisseur und Drehbuchautor, sondern er spielt auch selbst den trotteligen Filmhelden. Der Vergleich mit Woody Allen hatte sich bereits nach der Präsentation des Films auf der diesjährigen Berlinale bei der Filmkritik aufgedrängt. Sein Julian – ein unbeholfenes Weichei im grauen Schlabberpulli – ist ebenfalls Filmemacher in Berlin, lebt aber mangels Förderung von der Sozialhilfe und ist gezwungen, einen Job als Erntehelfer auf einer Apfelplantage in Brandenburg anzunehmen.

Seinen hippen Akademiker-Freunden – allesamt bürgerliche Diskurs-Kommunisten – und seiner neuen Flamme, der jungen Kanadierin Camille (Deragh Campbell), macht Julian weis, es handele sich um die Recherche für einen neuen Film. Ihm schwebe so etwas wie ein Märchen von der Schönheit der kommunistischen Utopie vor, sagt Julian mit Unschuldsblick, in dem Camille die Hauptrolle spielen soll.

Auf der Apfelplantage begegnen beide dem Kapitalismus in Reinkultur: Hier wird im Akkord geerntet, hier gelten die Gesetze des Weltmarktes. Wer die tägliche Mindestquote nicht erfülle, droht die Grundbesitzerin, müsse in der Nacht nacharbeiten. Das beste Team dagegen erhalte eine Prämie. Als die Quote hochgeschraubt wird, proben die Arbeiter den Aufstand.

Zum Personal gehören ein paar osteuropäische Erntehelfer, die im Schlafsaal aus „Anna Karenina“ vorlesen, und die beiden ehemaligen Museumswärter Hong (Kyung Taek Lie) und Sancho (Benjamin Forti), die entlassen wurden, weil in ihrer Schicht ein Gemälde von Dürer und ein Feuerlöscher abhanden kamen. Zwei harmlose Idioten, die hübsch mit dem Georgier Zurab (Zurab Korkashvili) kontrastieren, der sich als Diktator aufspielt.

Am 22. Juni in Oldenburg zu sehen

Der Kinofilm „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ startet an diesem Donnerstag bundesweit in den deutschen Kinos. Zu sehen ist der Film von Julian Radlmaier am 22. Juni im Oldenburger Cine k/Kulturetage.

Der Regisseur (Jahrgang 1984) ist ein deutsch-französischer Filmemacher. Sein Abschlussfilm bei der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin wurde bei der Berlinale 2017 in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ gezeigt.

Julian kommt bei Camille nicht weiter und hat zunehmend Schwierigkeiten, die Illusion vom Filmemacher aufrechtzuerhalten. An diesem Punkt tritt eine weitere Figur auf: Ein stummer Mönch, der mit den Spatzen kommuniziert, ein Abziehbild vom Heiligen Franz von Assisi.

Begabter Fabulierer

Radlmaiers Film ist eine komische, absurde Geschichte, die die Utopie von einer gerechteren Welt – einen Kommunismus ohne Kommunisten – zwar durch den Kakao zieht, ihren Kern aber nicht ablehnt. Erzählt wird sie mit filmischen Mitteln, die auf Langsamkeit abzielen: Bilder von verlockenden Äpfeln, Cumuluswolken und den Gesichtern der Protagonisten, die die Leinwand füllen.

Und dann gibt es noch den Windhund. Er ist der Clou des Films und vielleicht der beste Grund, sich dieses schräge Kunstwerk eines überaus begabten Fabulierers nicht entgehen zu lassen.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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