OLDENBURG Walter Sittler gehört zu jenen Schauspielern, die durch ihre Auftritte im Fernsehen unterschätzt werden. Nun hat dieser Darsteller im Oldenburgischen Staatstheater viel Niveau bewiesen. Sittler spielt, besser: wird eins mit der Figur des Erzählers Erich Kästner (1899– 1974, „Drei Männer im Schnee“). Am meisten überrascht, dass er so herzerfrischend auftritt. So als sei es die Premiere der zweistündigen Inszenierung und nicht die 87. Station auf einer Tournee.

Sittler verschmilzt mit dem Erzähler in Kästners Erinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“. Er hockt da im altertümlichen Mantel und grauen Anzug, guckt melancholisch ins Publikum und erläutert, dass ein Vorwort nichts mit einem Vorgarten zu tun hat. Kästner hatte 1957 – da war er 58 – seine Kindheit als Kinderbuch verfasst. Wie so oft bei Kästner, ist sein Buch aber eine wunderbare Mischung für Kinder und Erwachsene. Am Ende weiß man nicht, wer sich mehr daran erfreut. An diesem Abend gewiss die Erwachsenen, Kinder wurden nicht gesichtet.

Charme und Witz gehen bei Sittler lächelnd ineinander über. Wohlgemerkt: Es ist keine Lesung, sondern eine ruhige Inszenierung. Gedämpftes Licht und eingängige Musik eines Sextetts untermalen den Erzählstrom Sittlers. Wenige Stühle und eine lange Metallbank lenken die Konzentration auf den Text. Es macht Spaß, zuzuhören, nichts möchte man verpassen, während man in herrlicher Nostalgie versinkt.

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Kästners Text wurde gut gekürzt. Sittler schwärmt wohlakzentuiert von Dresden, erläutert wehmütig den Alltag des Jungen vor 1914, charakterisiert die armen Eltern. Vom Vater erfahren wir, dass er als findiger Sattlermeister schon mal einen Sattel nicht verkaufte – er gefiel ihm selbst zu gut. Von der Mutter, dass sie heimlich den einzigen Sohn Erich beim Schulgang verfolgte. Sie fürchtete, dem armen Kind könnte was passieren. Mit Sittler wandern wir durch eine heimelige Welt, lustwandeln durch das 1945 zerbombte Dresden. Ein Besuch beim raubauzigen Onkel gerät zum Abenteuer und Vergnügen.

In einer Zeit, die nie Zeit hat, wird man wohltuend aus dem Alltag genommen. Sittlers Gastspiel ist ein Geschenk der Vorweihnachtszeit. Dass die Veranstaltung nicht gut besucht war, stimmt indes traurig. Froh wirkten alle, die dort waren. Alle anderen haben was verpasst.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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