Bremen Als der Bauhaus-Künstler Wilhelm Wagenfeld Anfang der 1930er Jahre für die Firma Schott in Jena eine Teekanne aus feuerfestem Glas entwarf, schrieb er Design-Geschichte. Die Zeit war reif für Dinge des täglichen Gebrauchs, aus durchsichtigen Materialien hergestellt. „Anfang des 20 Jahrhunderts wurde Transparenz mit Begriffen wie Fortschritt, Zeitersparnis und Hygiene verbunden“, sagt Kunsthistorikerin Julia Bulk. Sie ist Kuratorin einer Ausstellung, die nun im Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Haus zu sehen ist. Titel: „Welt aus Glas. Transparentes Design.“

Bulk verknüpft in der Schau Design und gesellschaftliche Entwicklungen. „Es gibt einen Zusammenhang zwischen durchsichtigen Teekannen und transparenten Prozessen“, betont sie bei einem Rundgang durch sieben Räume.

Wagenfelds Entwicklungen aus dem schon früher in Laboratorien eingesetztem feuerfesten Glas sind für sie da wegweisende Beispiele. Denn trotz ihrer eleganten Leichtigkeit erinnern sie an das wissenschaftliche Umfeld, aus dem sie stammen. „Das Fortschrittsideal ist im privaten Bereich angekommen – aus der Küche wird das ,Laboratorium der Hausfrau’“, beschreibt es Bulk.

Überhaupt Wissenschaft: Es sind die neuen bildgebenden Verfahren, die Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden und auch Design wie Kunst inspirieren. „Dazu gehörten immer leistungsfähigere Mikroskope und Röntgenstrahlen, die alles durchsichtiger machten. Das hat den Blick auf die Welt revolutioniert“, meint Bulk.

Dass sich Transparenz längst zu einem Schlüsselbegriff der Gesellschaft entwickelt hat, wird spätestens da deutlich, wo Bulk Trends der Architektur skizziert. „Mit dem Baumaterial Glas verband sich die Hoffnung auf eine neue, bessere Gesellschaft“, betont sie. Ein Konzept, das heute besonders in der Gestaltung von Parlamentsgebäuden als Symbol für demonstrative Transparenz etabliert sei.

Der gesellschaftliche Wunsch, die Oberfläche zu durchdringen und im Verborgenen ablaufende Prozesse sichtbar zu machen, spiegelt sich sogar in durchsichtigen Fernsehern, Telefonen und Lautsprechern. Möbel aus Acrylglas sollen vor allem jüngeren Kunden das Gefühl von Leichtigkeit vermitteln – und sind gleichzeitig sichtbarer Protest gegen den Gelsenkirchener Barock der Eltern-Sofas im Wohnzimmer.

Wirklich sichtbar? Nicht immer, wie ein Stuhl zeigt, die der französische Designer Philippe Starck 2001 unter dem Titel „Louis Ghost“ erdacht hat. Ein Möbel, das so durchsichtig ist, dass es zu jedem Einrichtungsstil passt. „Er ist der Schatten eines Stuhls. Er ist da, wenn du ihn sehen willst, und gleicht sich an, wenn du unaufdringlich sein möchtest“, sagt der Franzose über seinen Entwurf.

Bulk diskutiert aber auch den Begriff des „gläsernen Bürgers“ und wirft die Frage auf, wie viel Durch- und Einsicht gesellschaftlich verkraftbar sind. „Transparenz kann auch dafür sorgen, dass ich überwacht werde“, mahnt sie und verweist auf Überwachungskameras und Schnüffel-Software. Und längst gibt es aufgrund der allseits gestiegenen Gefahr von Terroranschlägen in den USA große Veranstaltungen, bei denen Rucksäcke nur zugelassen werden, wenn sie durchsichtig sind.

Angesichts dieser Entwicklungen mutet ein Exkurs in die transparente Mode spielerisch an. Bulk zitiert zwischen Pumps mit Plexiglas-Absätzen und transparenter Bluse, was James Bond alias Sean Connery 1971 in „Diamantenfieber“ zu Tiffany Case angesichts eines verführerischen Negligés sagt: „Ein hübsches kleines Nichts, das Sie da beinahe anhaben. Gefällt mir.“

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