BERLIN „Jetzt habe ich wieder viel Ärger am Hals“, weiß der widerborstige Mann, der sich gern und oft Ärger einfängt. „Dabei ging es doch nicht nur um Günter Grass“, schimpft Rolf Hochhuth im Gespräch mit dieser Zeitung. „Es ging um das gesamte Verhalten“ der Akademie.

Grass war nicht da

Eine Debatte über das israelkritische Gedicht „Was gesagt werden muss“ in der – so der offizielle Titel – „Frühjahrsmitgliederversammlung“ der Akademie lief am vergangenen Sonnabend aus dem Ruder. Die Sitzung der Akademie sei völlig einseitig und zu positiv für den „ehemaligen SS-Mann“ verlaufen, erklärt Hochhuth. Die „eindeutige Parteinahme“ für Grass (84) und „gegen Israel“ sei furchtbar gewesen. „Die haben den Iran in Schutz genommen! Ein Land, das Israel vernichten könnte!“ Er, Hochhuth, sei regelrecht niedergeschrien worden und daher „die Türe schlagend“ hinausgerannt.

Der Begriff „Türe“ kommt daher, dass Hochhuth ein deutscher Dichter ist. Grass war übrigens bei der Sitzung gar nicht anwesend. „Was mich gezwungen hat, die Akademie, der ich seit bald 30 Jahren angehöre, tatsächlich in voller Wut zu verlassen, ist die gesamte schlafmützige Reaktion des Vereins.“ Schon am Vortag der Vollversammlung habe der Dramatiker, der auch mal Verse schmiedet, seine Akademie-Kollegen gewarnt: „Wir haben wichtigere Themen! Vor 70 Jahren wurden die jüdischen Akademiemitglieder aus Berlin in Vernichtungslager deportiert. Keiner kehrte zurück. Daran sollten wir erinnern!“ Außerdem seien die Zeilen von Grass „so wenig ein Gedicht, wie ein Pferd ein Ziegenbock“.

Doch es kam anders. „Die waren völlig auf Grass fixiert“, schimpft Hochhuth. Er ist also nach der Attacke entnervt aus dem Gebäude der Akademie gerannt, am Hotel Adlon vorbei, einfach nach Hause. Er wohnt in der Nähe. In einem flott verfassten Offenen Brief mit dem Titel „Ich weigere mich, zwischen Antisemiten zu sitzen!“ hatte der 81-Jährige am Sonntag grob seinen Austritt aus der Akademie erklärt.

Damit nicht genug. Aus lauter Wut hat er Stunden nach dem Ausmarsch angefangen, ein Drama zu schreiben. „Drei Frauen“ soll es heißen, verrät er, von Coco Chanel, Marlene Dietrich und Jackie Kennedy handeln. „Demonstrativ“ habe er sich hingesetzt und am Stück gebastelt. „Bestimmt mein letztes Stück.“ Womit er auf seine 81 Jahre anspielt. Und da ist er schon beim nächsten Ärger und wie so oft nicht mehr zu stoppen: „Die Alten werden doch alle benachteiligt!“ Bei Rowohlt, seinem Verlag, bieten sie Hochhuth gar nicht mehr in Prospekten für Lesungen an: „Wohl, weil ich zu alt bin!“ Ähnlich wie Martin Walser (85) oder Fritz J. Raddatz (80) werde er, Hochhuth, systematisch verschwiegen.

„Wir sind für die junge Generation in den Presseabteilungen offenbar alte Säcke, die noch nicht mal zum Lesen nach Bielefeld fahren können!“

Lieber schweigen

Übrigens kann Hochhuth nicht aus der Berliner Akademie der Künste austreten, denn in die Akademie wird man berufen. Die Akademie, so Akademiepräsident Klaus Staeck (74) am Montag, bedaure die Absicht von Hochhuth. Und über den heftigen Abgang von Hochhuth wolle man aus Respekt vor Hochhuth lieber schweigen. Der bleibt indes dabei: Der Abschied sei „endgültig“.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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