Bremen Eine Frau mit Ganzkörpertätowierung greift nach der Brustwarze ihrer Schwester. Einem Model scheint mit dem Brandeisen das Gucci-Logo auf die Haut gestempelt zu sein. Von einem Gewehrlauf steigt eine Friedenstaube auf. Zu sehen ist die provokante Kunst im Museum Weserburg in Bremen.

Die Ausstellung „Mir ist das Leben lieber“ zeigt 100 Kunstwerke der Sammlung von Reydan Weiss. Die in Istanbul geborene Sammlerin wuchs in Jordanien auf und kam als junge Frau nach Deutschland.

Öffnungszeiten der Ausstellung

Die Ausstellung der Sammlung Reydan Weiss unter dem Titel „Mir ist das Leben lieber“ ist von diesem Sonnabend an bis zum 26. Februar 2017 in der Bremer Weserburg (Teerhof) zu besichtigen.

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11–18 Uhr, donnerstags 11–20 Uhr.

Lebensgroße Akte

Es sei die bisher umfangreichste Präsentation dieser Sammlung aus Essen, sagt Museumsdirektor Peter Friese. Und es handelt sich keineswegs nur um Werke von Prominenten wie Anselm Kiefer oder Gerhard Richter, sondern auch um überraschend neue Werke aus Afrika, Ozeanien, China, Japan, Lateinamerika, Australien und der Karibik. „Es geht um die schockierende Erfahrung von Fremdheit und einen neuen Blick auf eine zum Teil aus den Fugen geratene Welt.“ Bemerkenswert sei dabei der hohe Anteil an weiblichen Positionen.

In der dritten Etage der alten Speicherhäuser auf der Weserinsel sind Bilder, Videos und Installationen in Themenräumen inszeniert. US-Kultfotografin Cindy Sherman schlüpft in die Rolle einer alternden High-Society-Dame mit unpassend tiefem Dekolleté. Gegenüber spielt die Kohlezeichnung einer Frau mit Burka auf mögliche Ängste vor dem Fremden an. Auch Olaf Metzel provoziert mit seiner Bronze einer nackten Türkin mit Kopftuch.

Im Nachbarraum hat eine Britin violett schillernde Federn von Stockenten zu einer Skulptur verdichtet, während sich ein junger Südafrikaner fürs Foto mit Waffe und Friedenstaube inszeniert.

Ein japanischer Fotograf verstört durch lebensgroße Aktbilder alter Frauen. Henkersmahlzeiten von zum Tode verurteilten US-Häftlingen erinnern an faszinierend schöne Stillleben niederländischer Meister. „Der Sammlerin Reydan Weiss geht es um Schönheit und Schrecken, bodenlos und verstörend“, sagt Kurator Guido Boulboullé.

Neben Befremdlichem wie Charles Frégers wilden Männern in rituellen Kostümen spielt auch gegenstandslose Farbmalerei eine Rolle. Der Schwede Paul Fägerskiöld etwa sprüht und tropft mit Farbe so lange, bis flirrende Oberflächen entstehen, während sich die libanesische Philosophin und documenta-Teilnehmerin Etel Adnan zwischen Landschaftsbild und Abstraktion bewegt.

Im größten Raum der Ausstellung geht es schließlich um Lebensräume. Der Blick der Besucher prallt wie eine Billardkugel von einer Bande zur nächsten und trifft dabei auf immer neue Landschaftsmotive und Stillleben. Die feinen Farblinien eines Aborigines treten in Dialog mit Anselm Kiefers Erdtönen. Ein paar Schritte weiter führt ein hyperrealistisches Stillleben mit Krake und Ketchup den Konsumwahnsinn vor Augen.

25. Geburtstag

Für Sammlerin Reydan Weiss sind diese Werke nach ihren eigenen Angaben eine „intellektuelle Heimat“ – für die Weserburg ist die Schau ein Geschenk an sich selbst. Doch anlässlich des 25. Geburtstags des Museums scheint die Feierlaune verhalten. Wurde das Haus am 6. September 1991 noch bundesweit als erstes Sammlermuseum gefeiert, muss es heute um die Finanzierung bangen. Auch eine mögliche Verkleinerung der Ausstellungsfläche steht zur Diskussion. Die internationale Kunst junger und etablierter Sammler soll deshalb auch weiterhin Garant für die Einzigartigkeit des Hauses sein.

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