Das sozialkritische Musical swingt zwischen Arm und Reich, zwischen Zufall und Fatalismus. Michael Blumenthal hat es für die Landesbühne inszeniert.

Von Norbert Czyz

Wilhelmshaven – Es wird viel geschossen in diesem Musical. Gleich am Anfang, zwischendurch, zum Spaß, mit der Zwille, mit dem Luftgewehr, mit der Pistole und mit aufgesetztem Zielfernrohr. Es gibt drei Leichen, zwei zum Schluss – Blutsbrüder, Zwillinge sogar. Letzteres erfahren wir gleich zu Anfang von einem Erzähler (Michel Haebler im Upperclass-Freizeitdress mit Batschkappe und Pollunder), der die Geschichte der beiden Blutsbrüder Edward und Mickey als Retrospektive aufrollt mit zahlreichen melodramatischen und gesellschaftspolitischen Facetten.

Es ist auch die Geschichte der Putzfrau Mrs. Johnstone (Susanne Menner), die zu viele, und der Unternehmersgattin Mrs. Lyons (Katrin Rehberg), die keine Kinder bekommt. Weshalb die beiden Frauen sich das Zwillingspaar Edward und Mickey teilen und sich schwören, es als Geheimnis zu bewahren.

Von diesem Ausgangspunkt aus startet der Autor und Komponist Willy Russell einen kurvenreichen Slalom zwischen Arm und Reich, zwischen politischem Einfluss und Ohnmacht, zwischen Fatalismus und Zufall. Kurz nach der Geburt getrennt, begegnen sich die Zwillinge Edward (Fabian Monasterios) und Mickey (Oliver Schönfeld) per Zufall auf dem Spielplatz, werden Freunde und sogar Blutsbrüder. An ihrem Lebensweg zeigt Russell exemplarisch auf, wie die Entwicklung von Kindern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten auseinander driften kann, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, wie sie zu Margret Thatchers Zeiten eben waren. Drastische Beispiele sind der schwierige Arbeitsmarkt und das Schulwesen, das in zwei pfiffig verknüpften Sketchen beleuchtet wird.

Womit wir bei den Besonderheiten der Landesbühnen-Inszenierung (Regie: Michael Blumenthal) angekommen wären. Die Bühne (Ausstattung Heiko Mönnich) zeigt ein in mehreren Ebenen bespielbares, zum Zuschauerraum offenes, karges Geviert mit neun Türen, das fast unverändert als Luxusvilla, als Hinterhof, Landhaus oder Gefängniszelle bespielt wird.

In vielen kleinen und einigen längeren Szenen bedienen sich die Akteure verschiedener Mittel, von Naturalismus über das Melodram bis zu Stilisierung und Satire, um möglichst unterhaltsam viele menschliche und soziale Aspekte auszuloten, ohne dabei in klassenkämpferische Attitüde oder billige Schuldzuweisung abzugleiten.

Dass die Akteure auf der Bühne diese schauspielerischen Anforderungen allesamt bestens bestehen, ist das Wunder dieser Inszenierung. Und davon lebt diese gut zweieinhalbstündige Aufführung auch, die nach der Pause an Spannung und Tempo gewinnt. Die Musik Russells (Arrangements: Udo Becker) hat dabei mehr die Funktion, den dramatischen Ablauf zu unterstützen als dass sie großen Eigenwert gewinnt.

Der großartig spielenden und singenden Susanne Menner hätte man von Herzen einen Song gegönnt, der nicht nur sentimental ist und zu Herzen geht, sondern auch leicht ins Ohr.

Blumenthal verstärkte die Schlüsselszenen akustisch, mal durch sich steigerndes Herzklopfen, mal durch diffuse Brummgeräusche.

Das Ende mit Schrecken kommt dann erstaunlich schnell: Als sich Eifersucht und verletzter Stolz miteinander verbinden, kommt die Wahrheit über die Zwillinge heraus. Die Folge: Edward wird von Mickey, Mickey von der Polizei erschossen. Wie vorhergesagt.

Karten: 04421/94 01 15

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