FRAGE: Im Programmheft zum Oldenburger Festival loben Sie ausdrücklich den südamerikanischen Guerillaführer Che Guevara. Seit wann sind Sie Revolutionär?

NEUMANN: Ich bin kein Revoluzzer, aber wenn ich den Geist von Che verlieren würde, dann müsste ich mich als Schaf bezeichnen. Und das bin ich nicht.

FRAGE: Was wollen Sie denn so ganz anders als andere Menschen machen?

NEUMANN: Ich denke gern über Sachen nach, die andere als gesetzt hinnehmen. Und ich habe eine ganz scharfe Haltung: Ich kämpfe gegen den fortschreitenden Wahnsinn der staatlichen Kontrolle! Damit meine ich zum Beispiel die Gesundheitsdiktatur – da wird, denken Sie nur ans Rauchen, die Freiheit des Einzelnen geopfert, Verbote werden als Moral und Gemeinwohl verkleidet.

FRAGE: Können Filme überhaupt etwas revolutionieren?

NEUMANN: Kino kann immerhin dafür sorgen, das man etwas aus einer anderen Perspektive betrachtet. Da findet man andere Zugänge, und das trifft gerade für das unabhängige Kino zu.

FRAGE: Ihr Festival widmet sich dem Independent-Film. Gibt es denn den ganz unabhängigen Film? Filme müssen finanziert und produziert werden, jeder Film will viele Zuschauer in vielen Kinos erreichen.

NEUMANN: In irgendeiner Form, das gebe ich zu, muss ein Film am Ende auch sein Publikum erreichen. Es gibt fließende Grenzen. Ich kenne tolle Hollywoodproduktionen großer Studios und schlechte Filme, die unabhängig hergestellt wurden. Die Hauptsache ist, dass ein Film gut ist.

FRAGE: Das Filmfest wird in diesem Jahr volljährig. Ist das etwas Besonderes?

NEUMANN: 18 Jahre ist schon eine tolle Zahl. Der Rahmen – fünf Tage, um die 40 bis 50 Filme im Programm – ist ja ziemlich gleich geblieben über die Jahre. Und wir wachsen noch, wir haben auch viel mehr Rahmenprogramm eingerichtet, das Netzwerk ist größer geworden.

FRAGE: Was war die größte Panne, die mal passiert ist?

NEUMANN: Das war auf einer glanzvollen Abschlussveranstaltung. Da wollten wir zu nominierten Filmen kleine Ausschnitte über den jeweiligen Film zeigen. In dem Jahr, ich weiß zum Glück nicht mehr, wann es war, wurde ein falscher Beitrag eingespielt. Der wollte die Stimmung des Festes einfangen, zeigte aber ausgerechnet jemand, der, als er gerade aus dem betreffenden Film kam, wild über den Streifen schimpfte. Ich hätte im Boden versinken können, so peinlich war das.

FRAGE: Was war das schönste Erlebnis?

NEUMANN: Vor ein paar Jahren zeigten wir „Reach For Me“ mit Schauspieler Seymour Cassel, einen traurigen Hospiz-Film. Der ganze Saal war gerührt, alle waren völlig mitgenommen. Ich habe dann auch auf der Bühne neben Cassel geheult. Es war ein Triumph der Emotionen. Ein irrer Moment.

FRAGE: Gab es Stars, die ausgefallene Wünsche hatten?

NEUMANN: Zum Glück haben wir Gäste, die einen Bezug zur Normalität bewahrt haben. Es gab nur mal Komplikationen bei der Reiseplanung von Til Schweiger, aber da stellte sich heraus, dass seine Agentur viel komplizierter war als der Schauspieler selbst. 1999 hatten wir mal mit Stacy Valentine einen amerikanischen Pornostar hier, die wollte glatt wieder abreisen, weil das Hotel keine tolle Klimaanlage hatte. Ihr Make-up würde verlaufen, schimpfte sie. Irgendwie haben wir sie beruhigt.

FRAGE: Wie wünscht sich ein Festivalchef den idealen Festivalbesucher?

NEUMANN: Er sollte offen sein. Er sollte neugierig sein auf Filme, von denen er noch nie was gehört hat – Independent-Filme sind nicht automatisch sperrig. Und er sollte sich nicht abschrecken lassen von englischsprachigen Filmen. Die meisten können besser Englisch, als sie denken.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.