OLDENBURG Die Zugabe mit dem Disco-Ohrwurm von Cher war geschickt gewählt: „If I Could Turn Back Time“ fährt nicht nur in die Beine von Tänzern und Publikum, die Sängerin selbst hat gezeigt, wie es mit allerlei chirurgischen Eingriffen gelingen kann, die Zeit zurückzudrehen – zumindest deren Spuren an Gesicht und Körper. Was wiederum die Choreografie von Guy Weizman und Roni Haver auf einen verständlichen Punkt bringt und den zunächst eher verhaltenen Applaus verlängert.

Eindrückliche Bilder

Der ewige Traum des Menschen, die Zeit anhalten zu können oder die Vergangenheit noch einmal erleben zu dürfen, nur dieses Mal anders, dieses Mal besser, ist das Thema ihrer aktuellen Choreografie für das Oldenburgische Staatstheater. Dafür finden sie im Großen Haus mitunter eindringliche Bilder, wenn etwa einer der Tänzer sich verzweifelt abmüht, die zwei Tänzerinnen links und rechts von ihm, die unter seinen Händen immer wieder leblos zusammensacken, dauerhaft auf die Füße zu stellen – bis er selbst erschöpft zusammensinkt.

Je abstrakter Weizman und Haver bleiben, desto überzeugender sind ihre Bilder. Für die Durchlässigkeit zeitlicher Grenzen etwa reichen am Anfang Vorhänge aus glitzernden Schnüren, durch die neun Tänzer hin und her wechseln, während sie sich gegenseitig zu „retten“ versuchen. Denn der dringende Wunsch, die Zeit beherrschen zu wollen, bezieht sich nicht nur auf die eigene Vergänglichkeit, sondern ist auch eng mit Frustration und scheiternden Beziehungen verknüpft.

„Mirage“, was so viel bedeutet wie Luftspiegelung oder Fata Morgana, hat das israelische Choreografenduo aus Groningen ihre Arbeit genannt. Der Titel „Miraculous Wednesday“ (wunderbarer Mittwoch), der für die geplanten Gastspiele der ersten oldenburgisch-niederländischen Koproduktion im Ausland benutzt werden soll, klingt in seiner Rätselhaftigkeit aber treffender. Denn rätselhaft bleibt einiges an diesem 65 Minuten langen Tanzabend. Vor allem die Entscheidung, neben den Disco-Rhythmen von Cher, den Kompositionen des Amerikaners David Dramm, der Beethoven neu bearbeitet hat, und meditativen Klangcollagen, auch noch das gesprochene Wort hinzuziehen.

Kriegserklärung ans Altern

Weizman und Haver haben sich auf ihre eigene Ausdrucksmöglichkeit wohl nicht verlassen wollen. Und so wird ihre sehr assoziative, dynamische und durch abrupte Brüche gekennzeichnete Bewegungssprache ergänzt um einen Schauspieler (Eike Jon Ahrens), der mal Fantastisches erzählt, mal kryptische und grammatikalisch zweifelhafte Texte vorträgt – darunter Zeilen wie diese: „Mein Denken enthält keine Gedanken, meine Gefühle keine Gefühle“ – oder dem Altern an und für sich eine Kriegserklärung macht.

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Für Letzteres trägt er sein Haar zu zwei abstehenden Zöpfen zusammengebunden. Bemüht humorvolle Details, für die sich der Zuschauer auch eine Zeitmaschine gewünscht hätte – mit eingebauter Löschfunktion.

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Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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