Oldenburg Das Motiv des betrogenen Betrügers findet sich weltweit in Märchen und Sagen. Der Shakespeare-Zeitgenosse Ben Jonson (1572–1537) gestaltete diesen Stoff zu der Komödie „Volpone“, in der die Menschen Tiernamen tragen.

Raffiniertes Spiel

In Venedig hat sich der Betrüger Volpone (Fuchs) mit seinem klugen Diener Mosca (Schmeißfliege) ein modern anmutendes raffiniertes Anlagespiel ausgedacht: Reiche Venezianer werden Glauben gemacht, er, der alte Fuchs, liege im Sterben, habe keinen Erben und gäbe all seine Reichtümer dem, der ihm vor dem Tode noch Geschenke mache und Gutes tue.

Das Gastspiel des Piccolo Teatro Bremerhaven im Oldenburger Theater K kommt mit einem überschaubaren Bühnenbild und vier Akteuren aus, die zehn Charaktere spielen. Die Komödie nach Motiven der Commedia dell’ Arte gibt den Charakteren Masken des venezianischen Karnevals und damit klar umrissene Konturen ohne psychologische Zwischentöne.

„Volpone“ ist zuerst ein sattes, buntes, vordergründiges Stück Volkstheater mit vielen schnellen Kostümwechseln, das uns Zuschauern den Spiegel vorhält.

Es hat aber auch eine hintergründige zweite Schicht, die nicht so sehr sozialkritisch ist, wie die vergnügliche Inszenierung mit Seitenhieben gegen das Banken-Establishment glauben machen will, sondern eher religiös inspiriert ist, denn Volpone meint, mit dem Besitz des Goldes Gott zu gleichen, da Gottes Hauptattribut die Allmacht ist und auf Erden allein das Gold Macht verspricht.

Volpone, sehr präsent gespielt von Rudolf Plent, der lange in Oldenburg wirkte, und Mosca, ungemein vital in Szene gesetzt von Roberto Widmer, liefern sich einen intellektuell-schurkischen Ringkampf. Vom ersten Dialog an weiß der Zuschauer: Es kann nur einen geben – und nach und nach, durch all die Intrigen hindurch, wird klar: die Schmeißfliege wird obsiegen.

Christa Düx ist mal die Dienerin Rosita, mal die Hure Canina. Der junge Felix Scholz mimt neben Voltore und den brutalen Capitano Leone auch die wunderschöne Colomba, die der gierige Ehemann Volpone ins Bett treibt. Jeder verrät jeden, aber zum Schluss wird nur der um sein Vermögen gebrachte Volpone aus Venedig getrieben.

Durchtriebener Diener

Die knapp zwei Stunden vergehen wie im Flug. Wir vergnügen uns bei einem Puppenspiel für Erwachsene. Wir verstehen Volpone, wenn er sagt, dass nicht das zu Unrecht gewonnene Gut, sondern der Umstand, dass keiner bemerkt, wie er betrogen wird, das Schönste sei.

Volpone ist kein Ästhet der Gier, sondern ein Ästhet der Macht über andere Menschen. Er will der Puppenspieler sein, derjenige, der die Strippen zieht. Er will sein wie Gott und stolpert über seinen noch durchtriebeneren Diener. Das ist märchenhaft und ungemein vergnüglich für Menschen aller Altersstufen.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.