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Bund-Länder-Runde
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WILHELMSHAVEN Leise rieselt der Schnee auf Kars, die Schüsse sind kaum zu hören. Nationalkonservative Kemalisten erheben sich gegen fundamentale Islamisten. Mädchen tragen das Kopftuch als Protest gegen einen autoritären Staat. Und die Altherrenrunde im Teehaus betont, alles sei doch gar nicht so schlimm. Wohin ist er da geraten, der Dichter Ka, der auf der Suche nach der großen Liebe nach Ostanatolien fuhr? Naiv bis verzweifelt sucht er ein persönliches Schlupfloch wie Josef K. in Kafkas „Prozess“. Der Name ist Programm.

Modernes Märchen

Die Welt ist kalt, und Orhan Pamuk ist ihr Prophet. Die Landesbühne Nord brachte jetzt den kunstvoll verwobenen Polit-Roman „Schnee“ des Literatur-Nobelpreisträgers im vollbesetzten Wilhelmshavener Stadttheater als eindrucksvolle Bühnenfassung heraus. Regisseur Christian Hockenbrink hat sowohl bei der Textfassung wie auch der Inszenierung überzeugende Arbeit geleistet. Prolog und Epilog verweisen auf die Roman-Wurzeln des Dramas und ordnen die düster-verwunschene Handlung einem modernen Märchen zu, das man nicht ganz für bare Münze nehmen möge.

Ausstatterin Julia Plickat hat die große leere Bühne konsequent mit Zeitungspapier gefüllt, das für Schneegestöber, Kopftücher, Zauselbärte und Schiebermützen herhält und mit dem man sich zudeckt, bewirft und politische Gegner knebelt.

In diesem Ambiente gelingen Hockenbrink immer wieder packende Bilder, wenn die weißen Kopftücher im Luftstrom der Windkanone wirbeln oder der Islamist Lapislazuli zur E-Gitarre greift, um sich Gehör zu verschaffen. Der Regisseur begreift Pamuk als weltgewandten Intellektuellen und verfällt deshalb nie in unpassende Nahost-Folklore. Als Ka seine Angebetete endlich in Armen hält, spielt die Regie deshalb lieber den US-Klassiker „Let It Snow“.

Auch wenn das schwierige Stück keiner eindeutigen Handlungskurve folgt, fallen im Schneetreiben der fragmentarischen Dialoge immer wieder denkwürdige Sätze. „Männer verschreiben sich der Religion – Frauen bringen sich um“, heißt es da oder: „Es reicht nicht, unterdrückt zu sein. Man muss auch Recht haben.“

Zweifel bleiben erlaubt

Politik, Religion und Weltanschauung sind für Pamuks Figuren nur das Vehikel auf der Suche nach Liebe, Macht oder Anerkennung. Doch auch die Erkenntnis hilft den Protagonisten nicht weiter: Fast alle fallen im Schnee, doch weil es ein Märchen ist, bleiben Zweifel erlaubt.

Im hervorragenden achtköpfigen Ensemble fallen besonders Kathrin Ost als Kadife, Frontfrau der Kopftuchmädchen, auf und Thomas Hary als fanatisierter Putschist Sunay. Oliver Schönfeld hat die Rolle des Dichters Ka übernommen, der unwissend in sein bedeutungsschweres Schicksal tapst.

Karten: 04421/9 40 10

Alle NWZ-Theaterkritiken: www.NWZonline.de/theater

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