Varel Varel eine Literaturstadt? Doch, ja. Wir haben nicht nur die Sängerin Hildegard Behrens und den Maler Franz Radziwill.

Wir haben auch den Schriftsteller Ferdinand Hardekopf, geboren in der Nebbs­allee, der im selben Verlag publizierte wie Franz Kafka und später die Werke des französischen Nobelpreisträgers André Gide übersetzte.

Wir haben Theodor Storms Tochter Gertrud, die von der Moltkestraße aus eine Zeit lang Werk und auch Nachlass ihres berühmten Vaters betreute. Der als Märchensammler bekannt gewordene Ludwig Bechstein lässt den ersten Teil seines Romans „Der Dunkelgraf“ (1854) im Vareler Schloss spielen.

Eine Dreierbeziehung

Und Varel kommt sogar, indirekt, in einem Werk der Weltliteratur vor, nämlich in Voltaires Roman „Candide oder der Optimismus“ (1759), der die Behauptung des Philosophen Leibniz verspottet, diese Welt sei die beste aller möglichen.

Varel hat der berüchtigte französische Aufklärer zwar nie besucht, aber er hatte sich in eine Varelerin verguckt, die seine enge Freundin wurde und vielleicht auch mehr als das: Charlotte Sophie von Bentinck, geborene Aldenburg (1715–1800).

Charlotte Sophie hatte nach dem Tod ihres Vaters, Graf Anton II. von Aldenburg (1681–1738), ihren ungeliebten Ehemann Willem Bentinck verlassen, war zuerst nach Varel zu ihrer Mutter und von dort aus weiter nach Bückeburg gezogen. Im Bückeburger Schloss lebte sie mit ihrer Jugendliebe Albrecht Wolfgang von Schaumburg-Lippe und dessen Frau, ihrer Freundin Lotte, in einer Dreierbeziehung, über die der sonstige Adel die Nase rümpfte.

Im Dezember 1740 kam, auf Einladung von Wolfgangs Söhnen, Voltaire (1694–1778) nach Bückeburg und war nicht nur vom Schloss und dem Grafen, sondern insbesondere von Charlotte Sophie beeindruckt. Voltaire verließ Bückeburg und die Vareler Gräfin zwar bald wieder, begann jedoch einen Briefwechsel mit der 20 Jahre jüngeren Frau.

1750 trafen sich beide erneut, diesmal in Berlin, wo Voltaire abgeschieden am Havelufer lebte, seine Zurückgezogenheit für Madame Bentinck aber gern aufgab.

Man dinierte, diskutierte, unternahm Kutschfahrten und schrieb sich Billetts. Ein Liebesverhältnis ist zu vermuten, innig von seiner Seite, eher leichtsinnig von ihrer. Danach schrieben sie sich wieder Briefe, und noch einmal acht Jahre später, 1758, besuchte Sophie Voltaire in seinem Haus in der Nähe von Genf.

Voltaire hatte zu der Zeit gerade einen Roman fertiggestellt, die Geschichte des Candide, eines naiven, gutgläubigen Kerls, der auf dem Schloss des Barons Thundertentronck in Westfalen aufwächst und sich, unrettbar optimistisch, in dessen Tochter Kunigunde verliebt, „frisch und rosig und leicht mollig“, „regelrecht zum Anbeißen“. Ihr seine Liebe zu gestehen, fehlt ihm der Mut, sie verführt ihn aber trotzdem, was zur Folge hat, dass er mit einigen Fußtritten aus dem Schloss befördert wird – der Beginn eines Leidenswegs, der den armen Candide um die halbe Welt treibt, Kunigunde, dieses „Meisterstück der Natur“, immer im Herzen.

Er bleibt ihr auch beinahe treu, was wenig nützt, denn seine Geliebte wird die Mätresse verschiedener hochgestellter Herren, die sie eifersüchtig bewachen. Als Candide sie dann schließlich bekommen kann, ist sie zänkisch geworden und reizlos, er will gar nicht mehr, sie jedoch zwingt ihn zur Ehe und entwickelt sich, endlich verheiratet, ganz unerwartet zu einer famosen Zuckerbäckerin.

Zweideutiges Denkmal

Dass Charlotte Sophie von Bentinck, geborene Aldenburg, das Vorbild seiner Kunigunde war, hat Voltaire kaum verhehlt. Seine Briefe aus dieser Zeit enthalten entsprechende Anspielungen, denen der Voltaire-Forscher Frédéric Deloffre weitere Indizien hinzufügen konnte. Vielleicht hat Voltaire der appetitlichen Varelerin sogar, als sie ihn in der Schweiz besuchte, aus seinem Roman vorgelesen. Wenn es so war, sah Sophie keinen Anlass, ihm das zweideutige Denkmal, das er ihr setzte, übelzunehmen. Sie schrieben sich weiterhin vertraute Briefe; die Freundschaft endete erst mit Voltaires Tod.

Hardekopf, Storm, Bechstein, Voltaire – Varel besitzt also eine durchaus nennenswerte literarische Vergangenheit. Daran kann man anknüpfen.

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