OLDENBURG 1925 erwarb der damalige Direktor Walter Müller-Wulckow auf der Internationalen Kunstausstellung in Paris drei Werke des russischen Bildhauers Moissey Kogan für das Landesmuseum Oldenburg, darunter die kleine Terrakotta „Hockende mit erhobenem Arm“.

Bei dieser Plastik handelt es sich um ein charmantes, jedoch auf den ersten Blick fast unscheinbares „Tonfigürchen“ von wenig mehr als 15 Zentimetern Höhe. Und doch hatte sie für den Museumsdirektor programmatische Bedeutung und gehörte zu den ersten Plastiken der Moderne überhaupt, die er für die Oldenburger Sammlung ankaufen konnte.

In Kogans Tonfigürchen scheint die Zeit still zu stehen. Der anmutige Frauenakt balanciert gleichsam zwischen Antike und Moderne, strömt eine beinahe archaische Ruhe aus und ist doch expressiv und ausdrucksstark. Die kleine Plastik wirkt zugleich primitiv und hoch artifiziell.

Kogan gehörte – wie Marc Chagall, Chaim Soutine oder Ossip Zadkine – zu einer Gruppe ostjüdischer Künstler, die in den 20er Jahren in Paris ihre zweite Heimat gefunden hatte. Er wurde 1879 in Orgiew (Orgejev) in Bessarabien geboren und war 1903 nach München gekommen, wo er zum Gründungsmitglied der „Neuen Künstlervereinigung“ gehörte, zu der auch Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky oder der Tänzer Alexander Sacharoff zählten und aus der 1911 der „Blaue Reiter“ hervorging.

Früh schon wurden zunächst seine Künstlerfreunde, dann auch Sammler auf die Werke Kogans aufmerksam, obwohl sich sein Werk ganz auf Klein- und Kleinstplastiken, Gemmen, Steinschnitte, Stickereien, zarte Zeichnungen und Druckgrafik beschränkte. Er vertrat somit eine ‚stille’ Moderne, die sich nicht in Pamphleten erging, sondern zur Versenkung und Hingabe an das Werk auffordert, ja beinahe nötigt.

Insbesondere seine Kleinplastiken wollen nicht nur gesehen, sondern gleichsam in die Hand genommen und beschützt werden: Der verwendete Ton ist körnig und porenreich, so dass das Licht in der Oberfläche zu versinken scheint.

1925, im Jahr des Ankaufs, erschien eine Abbildung der Plastik in der Zeitschrift „Das Kunstblatt“ und wurde begleitet durch einen hymnischen Text des deutsch-französischen Dichters Yvan Goll: „Ein seit Jahrzehnten Vertriebener, Umherrirrender, Mißmutiger, Kämpfender und Zweifelnder ist Moissey Kogan: aus Rußland, aus München, aus Zürich, aus Frankfurt, aus Paris, aus Amsterdam fliehend, vor dem unerträglichen Leid – an sich selber. Ein Wilder, ein Zerfetzter, ein Zarter . . .

Und wenn dann die Finger in den morgenrötlichen Ton fassen, zittern sie, tasten, streichen wie über Menschenfleisch, und naive Göttinnen, zerbrechliche, unbekannte, nie gewesene Gestalten erblühen.“

Als Künstler wie als Mensch war Moissey Kogan Zeit seines Lebens unbehaust. Im Verlauf der 20er Jahre lebte er in Paris, Düsseldorf und Berlin, zeitweise auch in Holland. Als Jude wurde er 1942 von der Gestapo in Frankreich interniert, 1943 deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet. Zahlreiche seiner Werke, aus den Museen in Halle, Hamburg, Hagen oder Essen wurden im Jahr 1937, im Rahmen der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“, beschlagnahmt.

So grenzt es nahezu an ein Wunder und ist vor allem dem Geschick Walter Müller-Wulckows zu verdanken, dass die drei Werke Moissey Kogans im Landesmuseum Oldenburg vor dem Bildersturm der Nationalsozialisten gerettet werden konnten und in der Sammlung verblieben sind. Dieser Umstand ist sicher auch dem kleinen Format dieses stillen und doch lyrischen Frauenakts „mit leise nach rechts geneigtem Kopf“ zu verdanken, der so unspektakulär ist und doch seine Aufmerksamkeit fordert.

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