Bremen Die zehn Gebote, die Moses der Überlieferung nach direkt von Gott erhielt, gelten bis heute als Grundlage von Recht und Moral. Allerdings stellte schon Martin Luther fest, dass die kargen Worte einiger Ausführung bedurften.

Der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski nahm sich für seine zehnteilige Fernsehserie zu den zehn Geboten noch deutlich mehr Zeit: Zehn Stunden dauert sein „Dekalog“, den er mit dem Rechtsanwalt Krzysztof Piesiewicz schrieb. Dusan David Parizek hat daraus nun eine immerhin noch dreieinhalbstündige Bühnenfassung destilliert.

Acht der zehn Geschichten, in denen Kieslowski mal mehr, mal weniger direkt die Gebote aufgreift, sind als Monolog, die übrigen zwei als Dialog in einem minimalistischen Bühnenbild inszeniert, das der Regisseur besorgt hat. Es besteht aus einem weißen quadratischen Podest, auf das die Schauspieler nacheinander aus dem Publikum heraus treten, um ihre Geschichte zu erzählen – wie eine öffentliche Beichte.

Kieslowskis Geschichten sind dabei alles andere als moralische Erbauungsstücke. Seine Figuren müssen sich mit ganz alltäglichen Tragödien herumschlagen, sind ganz normale Menschen. Eine weiße Weste hat niemand von ihnen. So entsteht ein streng monologischer Abend mit den Schauspielerinnen und Schauspielern. Es spricht sehr für das Bremer Ensemble, dass es imstande ist, alle Positionen so zu füllen, dass die Inszenierung ihre Spannung weitestgehend halten kann. Gerahmt wird sie von zwei schauspielerischen Glanzstücken: Johannes Kühn erzählt zu Beginn die Geschichte eines technikgläubigen Vaters und seines Sohnes, der beim Schlittschuhlaufen stirbt, weil das Eis einbricht – dabei hatte der Vater penibel ausgerechnet, dass es das dreifache Gewicht des Jungen tragen müsste.

Die Berechnungen stimmten – aber wider Erwarten wurde Warmwasser in den zugefrorenen See geleitet. Behutsam entwickelt Kühn diese Erzählung, zeichnet den liebe- und humorvollen Umgang von Vater und Sohn, zeigt bewegend, wie sich beim Vater die entsetzliche Erkenntnis langsam durchsetzt.

Dem Beginn mehr als ebenbürtig ist das Finale: Martin Baum gelingt es, die hinreißende schwarze Komödie zum zehnten Gebot mit ihren grotesken Verschlingungen um eine wertvolle Briefmarkensammlung, in der eine wichtige Marke fehlt, eine fehlende Niere und einen Wachhund namens Gott zum Leben zu erwecken – wobei ihn bei der Premiere nicht einmal ein Stromausfall aus dem Konzept brachte.

Viel Applaus gab es für diesen eindrucksvollen Abend, dem über die ganze Länge aufmerksam zu folgen allerdings eine echte Herausforderung ist.

Kritik auf SPIEGEL ONLINE zu „Die zehn Gebote“ in Bremen.


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