BREMEN Nach „Hedda Gabler“ gibt es im Bremer Schauspielhaus nun ein weiteres Kammerspiel zu sehen, das genüsslich die Hölle einer kaputten Ehe zelebriert. „Einsame Menschen“ heißt Gerhart Hauptmanns Stück von 1891 und mutet mit seinem sozialkritischen Blick fast wie ein Werk von Henrik Ibsen an. Behutsam in Ton und Tempo geht die Inszenierung von Christian Pade an die Sache heran.

Dabei verfügt vor allem der mächtige Guckkasten von Alexander Lintl mit seinen weißgestreiften Holz-Lammellen über einen imposanten Schauwert: Wie eine hypernervöse Barriere umschließt dieser Raum seine Insassen. In der Mitte ein Tisch mit unterschiedlich hochgestuften Stühlen. Und an allen Wänden ergeben sich überscharfe Linien, die Sehen und Denken zum Flirren bringen.

So ist auch die Hauptfigur auf der Suche nach einer klaren Linie. Hans Vockerat, ein stocksteifer Akademiker, will dem Muff seiner Zeit entfliehen. Zudem hat er jeden Sinn für seine Ehefrau verloren und behandelt sie wie eine Magd. Am Ende zerbricht er an der Zuneigung zu einer Studentin (frisch burschikos: Varia Linnéa Sjöström).

Jan Byl spielt diesen pomadigen Typen, der sich zu Beginn als ziemlich mieser Macho gibt – und bei dem man am Ende dann doch Mitleid haben muss, wenn er seinen Abschiedsbrief schreibt und durch eine Klappwand hindurch das Leben verlässt. Spießer und Freidenker zugleich ist diese Figur. Womöglich ist sein Schicksal auch das Drama eines Homosexuellen, dem schlicht die Worte fehlen, ein Leben für Frau und Kind abzulehnen.

Aber vielleicht ist Käthe, die arme Frau dieses Egozentrikers, die eigentliche Hauptfigur des Abends. Bei Franziska Schubert, die ein rührendes Figurenporträt abliefert, bleibt trockene Verzweiflung quasi an jedem Möbelstück haften. Siegfried W. Maschek und Irene Kleinschmidt bilden als Eltern die Eckpunkte in diesem beklemmenden Haushalt. Und Sven Fricke schleicht als angenervter Hausfreund durch die artifizielle Halle.

Um die wenigen Längen des Abends zumindest optisch aufzuwerten, verzaubert die Lichtgestaltung mit immer neuen Strukturen diesen Schau- und Denkraum. Insgesamt ist das alles „routiniertes Schauspiel“ zu nennen. Viel freundlicher Applaus.

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