Hamburg „Moonlight“ ist ein filmisches Wunder. Einen solchen Stoff hat Hollywood noch nie verfilmt, Stil und Ausdruck sind poetisch wie selten, und die Entstehungsgeschichte des Dramas ist ungewöhnlich. In seltener Klarsicht hat das die Oscar-Akademie erkannt: „Moonlight“ wurde gerade erst zum besten Film des Jahres ausgerufen und gewann zwei weitere Preise. Nun ist dem Werk zu wünschen, dass es nicht nur wegen des peinlichen Missgeschicks in Erinnerung bleibt, als Faye Dunaway bei der Oscar-Gala fälschlicherweise das Musical „La La Land“ voreilig zum Sieger erklärte.

„Moonlight“ erzählt in drei Etappen von der Kindheit, der Jugend und dem frühen Erwachsenenalter des schwarzen Jungen Chiron aus einem Problemviertel Miamis. Die Mutter (oscarnominiert: Naomie Harris) ist drogenabhängig und verzweifelt daran, ihrem Sohn eine Stütze zu sein. Stattdessen kümmert sich der Dealer Juan (mit dem Oscar ausgezeichnet: Mahershala Ali) um ihn und verpasst ihm den Namen „Little“. Schwierig ist es in der Schule. Chiron findet kaum Freunde – und während er selbst nur ahnt, anders zu sein, ziehen die Mitschüler ihn schon als „Tunte“ auf.

Selbstfindung im Fokus

Ein problematisches Drogendrama über einen schwarzen homosexuellen Dealer also. Wer hätte da nicht gewisse Vorstellungen, wie ein solcher Film funktioniert? Da könnten dramatische Schießereien sein, ein Ersatzvater, der nur freundlich ist, um einen kleinkriminellen Nachfolger heranzuzüchten, verzweifelte Gewalt wegen all der unterdrückten Sexualität.

Der Zauber von „Moonlight“ liegt aber gerade darin, dass er genau diese Klippen umschifft. Stattdessen werden ruhige Cinemascope-Bilder, herausragende Jungschauspieler und sensible Klassikmusik einsetzt.

Regisseur Barry Jenkins hat den Film in nur 25 Tagen und mit einem Budget von rund fünf Millionen Dollar abgedreht. Tarell Alvin McCraney stammt aus dem gleichen Problemviertel wie Jenkins und schrieb 2003, nach dem Tod seiner Mutter, eine erste Version der Geschichte. Zehn Jahre später wurden die beiden einander vorgestellt. Ende Februar gewannen sie den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch.

Sie rücken die Selbstfindung Chirons in den Mittelpunkt. Wo ist unser Platz im Leben? Wie können wir uns trotz schwieriger Umstände neu erfinden? Anders als das ebenfalls häufig ausgezeichnete Jugenddrama „Boyhood“ geht „Moonlight“ in den Antworten auf diese Fragen noch mutigere Wege. Wo der eine auf Wiedererkennung mit Britney-Spears-Songs und Apple-Computern setzt, erzählt der andere behutsam von Menschen und Problemen, die es so nur selten auf die große Leinwand schaffen.

Drei Oscars gewonnen

In der beeindruckendsten Szene des knapp zweistündigen Films schleichen der frühere Schulfreund Kevin (André Holland, sensationelle Nebenrolle) und der später „Black“ genannte erwachsene Chiron (Trevante Rhodes) quälend lange umeinander herum. Schließlich fragt Kevin in Südstaaten-Slang: „Who is you?“ („Wer bist du?“). Dessen Antwort: „Ich hab’ lange versucht, das zu vergessen. Versucht, die ganze Zeit zu vergessen.“ Den Zuschauern wird genau das mit diesem Film lange nicht gelingen.

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