Hamburg Es gab mal eine Zeit, da war der Jazz die Popmusik - und die Sänger so etwas wie die Justin Biebers von damals. Und auch wenn der Jazz heute eher in der musikalischen Nische zu verorten ist, gibt es Momente, in denen sich dieser Rand durchwachsener Vielfalt wie das Zentrum musikalischer Blüte anfühlt. Eine Reihe solcher Momente ließen sich am Pfingstwochenende beim Elbjazz-Festival im Hamburger Hafen erleben.

Etwa dann, als Jazz-Star Gregory Porter die Bühne betrat. Der Mann mit der legendären Ballonmütze, dessen warme Baritonstimme sich wie eine Pulswelle durch das Werftgelände von Blohm&Voss zieht, dabei die Meisten unmittelbar anzieht, den Rest zumindest elektrisiert aufhorchen lässt. Spätestens von dem Moment an, als sich die Festivalbesucher dicht an dicht vor der Bühne drängen, hinter der sich das stählerne Kranpanorama des Hafens abzeichnet, will man dem Jazz die Massentauglichkeit attestieren.

Auch die Veranstalter des Elbjazz-Festivals wussten in diesem Jahr, dass ein Künstler wie Porter auch die breite Masse anspricht, auch jene mit weniger Berührungspunkten zur Jazzmusik.

Auf dem Werftgelände von Blohm&Voss auf der anderen Seite der Elbe, bekommen die Besucher an den zwei Festivaltagen tatsächlich auch eine andere Seite des Jazz zu hören. Vital, aufgeregt, verspielt - als hätte eine frische, kraftvolle Elbbrise die zentimeterdicke Staubschicht der alten Platten auf dem heimischen Dachboden weggeblasen.

Hier, wo sonst Schiffe gefertigt werden, wird nun der Sound der Künstler zwischen hohen Baukränen, stählernen Containern und hohen, imposanten Fertigungshallen gepresst und in Form gegossen, ehe sich der Klang über das angrenzende Wasser verflüchtigt. Bei dieser unnachahmlichen Kulisse merkt man den meisten Künstlern an, wie sehr das maritime Flair sie beflügelt.

Etwa wenn Saxofonist Joshua Redman, der zu den einflussreichsten Saxofonisten der Welt zählt, mit kraftvollen Luftstößen einen Klang erzeugt, der ebenso aus einer der Lagerhallen neben der Bühne hätte dringen können. Oder die junge Französin Nina Attal ihr Publikum energisch zum Mitswingen und Klatschen animiert. Hier ist Jazz nicht streng und spießig, sondern offen und frei.

Ein wenig schicker ging es dafür im Großen Saal der Elbphilharmonie zu, die als Veranstaltungsort von sechs der rund 50 Konzerte ihre Elbjazz-Premiere feierte. Es sei vor allem der „kommunikativen Strahlkraft“ des neuen Kulturwahrzeichens zu verdanken gewesen, dass in diesem Jahr fast doppelt so viele Tickets verkauft wurden wie noch 2015, sagt Festivalleiter Alex Schulz. Der schien angesichts der hohen Besucherzahlen sein Glück kaum fassen zu können. Massentauglichkeit für Jazzmusik: An diesem Wochenende mehr als nur eine Wunschvorstellung.

Eine Rückkehr des Elbjazz-Festivals im kommenden Jahr ist so noch vor den letzten gespielten Tönen am Samstagabend beschlossene Sache. Anscheinend hatte Frank Zappa recht mit der Aussage: „Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch“. An diesem Pfingstwochenende roch der Jazz zweifellos nach Elbwasser - und Containerstahl.

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