Oldenburg Im Tagebuch von Svatoslav Richter findet sich 1990 diese Notiz: „Er spielt gut, aber er stürzt sich nicht Hals über Kopf ins Meer.“ Das Urteil des Pianisten, der eine ganze Epoche prägte, galt Jewgeni Kissin, einem seiner markanten Nachfolger. Was hätte der große Russe wohl zu Daniil Trifonov vermerkt?

Trifonov stürzt sich im Oldenburger Kleinen Haus kopfüber in die Musik, in Skrjabins 3. Sonate fis-Moll. Aber der junge Russe behält trotzdem den Kopf über Wasser, wahrt in der Hetzjagd der Noten die Übersicht. Eigentlich ist so etwas genauso unmöglich wie die Quadratur des Kreises. Aber das ist eben Trifonov: Unbegreiflich.

Der Verein der Musikfreunde (VMO) hat in seiner stets ausverkauften Reihe „Große Pianisten im Kleinen Haus” einen Coup gelandet. Trifonov wird mit seinen 22 Jahren als „neuer Horowitz“ gehandelt. Zu belasten scheint das den Mann aus Nischni Nowgorod kein bisschen.

Er hat sein Programm turmhoch geschichtet: Zu Skrjabin vier Charakterstücke von Tschaikowski, drei „Feuervogel“-Sätze von Strawinski, die drei „Images” aus Livre I von Debussy und Chopins „Douze Grandes Etudes” op. 10. Diesen Berg trägt er mit konzentrierter Spielfreude ab.

Sollte das Gefühl aufkeimen, dass dahinter Arbeit stecken könnte, dann schiebt er drei Zugaben nach. Immer mit vollem Einsatz, immer mit vollem Risiko.

Natürlich kann Trifonov Oktaven donnern. Doch dafür hat er sich nicht auf den Weg gemacht. Er sucht haarfeine Schattierungen. Er stellt gewaltige Fingerfertigkeit heraus. Doch er lenkt damit nicht vom Geist der Werke ab. Ausdruck schafft er ohne überzeichnenden Nachdruck.

Über aller persönlichen Gestaltungskunst kommt er als nachschöpfender Interpret daher, weniger als eigenwilliges Genie.

Beispiel Chopin. Die zwölf Genrestücke bringt er lebendig auf eine innere Gefühlslinie, hoch erhoben über eine etüdenhafte Präzision. Oder Tschaikowski: Da steckt die kleine Anleihe „un poco di Chopin“ voll dezenter Ironie. Oder Debussy: Den Klangbildern gibt er mit eckiger Schärfe klare Strukturen, aber nie wird der Ton kalt.

Zwei große Gefahren bedrohen solche reich gesegneten Künstler: dass sie im mörderischen Konkurrenzkampf der Pianisten dann doch stecken bleiben, oder dass sie zu früh himmelwärts geschossen werden.

Mit 22 sind Sorgen weit weg. Da triumphiert die Freude über jene faszinierende Natürlichkeit und den wundervollen Instinkt für das Wichtige, die einem wie Trifonov so beneidenswert leicht zuzufallen scheinen.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

NWZONLINE-NEWSLETTER

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten.
Meine E-Mail wird nur zu diesem Zweck verwendet.
Einwilligung jederzeit wider­rufbar, Abmeldelink in jeder E-Mail. Die Datenschutz­erklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.