BERLIN Berlin, da denkt man spontan an das Brandenburger Tor und den Bundestag. Täglich fluten Touristen die Stadt, überall steht man in der Schlange, um an die Reihe zu kommen. Das ist auch im Februar nicht anders. Mit dem Unterschied, dass sich die Zahl der Warteschlangen vervielfacht hat. Bei der Berlinale, dem größten Publikumsfestival der Welt, stehen alljährlich Kinobetreiber, Regisseure, Filmenthusiasten und Schauspieler zusammen in endlosen Reihen, um Karten zu ergattern. Oft stundenlang, einige übernachten gleich vorm Ticketschalter.

Die Berlinale verbindet, weckt Emotionen, elektrisiert eine Stadt. Dieses Jahr feiert man einen runden Geburtstag – 60 Jahre Berlinale. Doch von Staub keine Spur, das Festival ist innovativer denn je und erfindet sich ständig neu. Es ist ein wichtiger Gradmesser für die Filmbranche, hier trifft Mainstream auf Underground, hipper Hollywoodstar auf hoffnungsvollen Nachwuchsdarsteller. In den Kinos wird viel geklatscht und auch mal gebuht. Es ist ein ehrliches Festival, eines auf dem man sieht, wie gut sich der deutsche Film entwickelt oder wie eigen Amerikaner den europäischen Autorenfilm adaptieren.

Das Besondere ist jedoch der direkte Kontakt zwischen Filmschaffenden und dem Publikum. Nach jedem Screening werden Fragen von den Zuschauern gestellt, für viele Filmemacher ist dies der erste und wichtige Kontakt mit einem echten Kinopublikum. Da lohnt es sich dann auch wieder, stundenlang in der Schlange auszuharren.

Auch für eine Doku wie „Neukölln Unlimited“: Sie begleitet drei libanesisch-stämmige Geschwister aus Berlin- Neukölln, die mit ihrer Familie von der Ausweisung bedroht sind und verzweifelt dafür kämpfen, in ihrer Heimat Deutschland bleiben zu dürfen. Der Film wurde bei der Premiere gefeiert. Überzeugen konnte auch „Greenberg“ von Noah Baumbach, in dem Ben Stiller einen abgehalfterten 40-Jährigen mimt, der nach einem Nervenzusammenbruch zurück ins Leben finden möchte. Stilles Kino, das für amerikanische Maßstäbe erfrischend unperfekt daherkommt.

Feo Aladags verstörendes Drama „Die Fremde“ zeigt Sibel Kekilli („Gegen die Wand“) als verzweifelte Mutter, die sich von ihrem Mann trennt und von ihrer muslimischen Familie verstoßen und bedroht wird. In einem Dialog mit ihrem deutschen Freund, gespielt von Florian Lukas, hält sogar das in Berlinale-Filmen sonst wenig beachtete Oldenburg als Sinnbild für ein schönes und glückliches Leben her. Und auf spätere Nachfrage versichert Florian Lukas, dass er „Oldenburg sehr mag“ und „dort wirklich gern wohnen würde“.

Und wo fragt man den Schauspieler so etwas? Natürlich in der Warteschlange.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.