Bremen Als Ingmar Bergman in den frühen Siebzigerjahren seine „Szenen einer Ehe“ herausbrachte, zunächst als sechsteilige Fernsehserie, wenig später als kürzere Kinofassung, wurde in Deutschland gerade das Ehe- und Familienrecht reformiert, die Frau sollte nicht mehr ökonomisches Anhängsel des Mannes sein, sondern gleichberechtigte Partnerin. Heute ist die Ehe bei weitem nicht die einzige Form des Zusammenlebens. Und bis der Tod sie scheidet, bleiben sie in unserer modernen Gesellschaft meist schon gar nicht mehr zusammen.

Dass Bergmans Beziehungsdrama und Eheschlacht gleichwohl nichts von seiner Bedeutung verloren hat, zeigt Klaus Schumachers Bühnenadaption, die jetzt im Bremer Theater am Goetheplatz Premiere feierte. Für die intime Nähe, die Bergman durch Großeinstellungen erzeugte, findet Schumacher eine reizvolle Entsprechung: Das Drama entfaltet sich in einem Sitzkreis auf der Bühne des Theaters, inmitten des Publikums, das diesmal mit auf der Bühne sitzt, was zugleich den Charakter einer Gruppentherapie hat.

Schumacher hat das Personal der Geschichte dabei radikal auf das Ehepaar Marianne und Johann reduziert. Da beide Figuren aber doppelt besetzt sind (Susanne Schrader und Irene Kleinschmidt als Marianne, Guido Gallmann und Martin Baum als Johan) und so verschiedene Verhaltensfacetten zeigen können, verleiht der Regisseur, der erst vor einer Woche an gleicher Stelle mit Shakespeares „Othello“ Premiere feierte, der Fabel Allgemeingültigkeit. Marianne und Johan führen seit zehn Jahren eine Musterehe. Doch gerät ihre Beziehung in eine Krise. Johan verliebt sich in eine junge Frau, Marianne will die Scheidung.

Die emotionalen Abhängigkeiten, die Demütigungen und Liebesbezeugungen, die Enttäuschungen, die notwendig aus den Ansprüchen an sich und den anderen hervorgehen, zeigt das kleine Ensemble in eindrucksvoller Intensität. Am Ende deutet Schumacher schließlich auch noch einen Aspekt an, der zeigt, dass die Fragen, die das Stück aufwirft, auch heute noch akut sind: bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen nämlich.

Das Publikum honorierte den Abend mit viel Applaus für alle Beteiligten.


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