Frankfurt A.m. Zu ihrem 13. Geburtstag bekam Anne Frank (1929-1945) ein Tagebuch geschenkt. „Ich bin so froh, dass ich Dich habe!“, endet ihr erster Eintrag. Zu diesem Zeitpunkt lebte das jüdische Mädchen mit ihrer und einer weiteren Familie bereits im Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus. Es war das Jahr 1942, der Massenmord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und ihre Helfer hatte begonnen. Schon als 15-Jährige wurde Anne Frank von den Nazis kurz vor Kriegsende umgebracht. Vor 85 Jahren, am 12. Juni 1929, kam sie in Frankfurt am Main zur Welt.

„Sie war ein lustiges, vergnügtes, fantasiebegeistertes Mädchen“, erinnert sich Annes Vetter Buddy Elias. Buddy, eigentlich Bernhard, ist am 2. Juni 89 Jahre alt geworden. Die jüdischstämmigen Verwandten aus Frankfurt am Main waren infolge der Bedrohung durch die Nationalsozialisten getrennt worden. Die Familie Elias zog 1931 nach Basel, die Familie Frank 1934 nach Amsterdam. Buddy hat die vier Jahre jüngere Cousine Anne jedes Jahr in den Schulferien getroffen, bis zum Überfall der Deutschen auf die westlichen Nachbarländer im Mai 1940.

Anne und ihre Familie blieben zwei Jahre im Versteck, bis sie verraten und gefangengenommen wurden. Diese zwei Jahre „haben Anne stark verändert“, entnimmt Elias dem Tagebuch. Es wurde nach Anne Franks Tod im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen 1947 in den Niederlanden veröffentlicht. „Sie verlor ihre Kindlichkeit und Unbekümmertheit“, sagt ihr Vetter. „Anne wurde von einem verspielten, lustigen Mädchen zu einer nachdenklichen und philosophierenden Schriftstellerin.“

Elias ist der letzte lebende Verwandte von Anne Frank. Das Schicksal seiner Cousine hat ihn geprägt. „Es ist mir eine Verpflichtung, mich für die Ideale Annes einzusetzen“, sagt er. „Das ist das wenigste, was ich tun kann, der ich von diesem schrecklichen Schicksal verschont geblieben bin.“ Anne Franks Ideal sei gewesen: „Frieden zwischen allen Völkern, Religionen, Hautfarben“. Hätte sie überlebt, wäre sie Journalistin oder Schriftstellerin geworden und hätte Friedensarbeit geleistet, ist sich Elias sicher. „Anne wollte für die Menschheit leben.“

Um dieses Erbe zu bewahren, gründete ihr Vater Otto Frank 1963 die Stiftung Anne-Frank-Fonds in Basel. Buddy Elias ist der Präsident. Die Stiftung fördert in verschiedenen Ländern Projekte, die Kindern und Jugendlichen in Not ein Zuhause, Unterricht, Ausbildung oder Arbeit geben. Als ein Beispiel für die Arbeit im Sinne Annes nennt Elias, dass Spenden nach Israel nur an Organisationen gingen, die mit Palästinensern zusammenarbeiteten.

Auch die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main will Annes Vermächtnis lebendig halten. Sie ist aus einem Projekt „Spurensuche“ vor 20 Jahren entstanden, wie Leiter Meron Mendel berichtet. Damals verfolgten Jugendliche die Geschichte der Familie Frank in Frankfurt bis ins 16. Jahrhundert zurück. „Heute arbeiten wir vor allem mit Jugendlichen und Pädagogen aus verschiedenen Ländern zusammen, um Diskriminierungen und Rassismus zu begegnen“, sagt Mendel.

So lässt eine Mitmach-Wanderausstellung Schüler über Fragen diskutieren wie: „Was tun wir, wenn Neonazis in unserer Gemeinde zu einer Demonstration aufrufen? In welcher Welt wollen wir eigentlich leben?“. Junge Menschen mit iranischen Wurzeln gestalteten in Auseinandersetzung mit Anne Frank vor zwei Jahren eine Ausstellung über ihre im Iran verfolgten und hingerichteten Angehörigen.

Anlässlich des 85. Geburtstags von Anne Frank hat die Bildungsstätte Jugendliche zu einem Kunstwettbewerb aufgerufen. Zu den 150 Einsendungen aus ganz Deutschland gehört die aktuelle Ausgabe der Schülerzeitung „Habicht“ der Anne-Frank-Gesamtschule in Havixbeck im Münsterland: Die Schüler haben neben einem Lebenslauf von Anne Frank ein fiktives Interview gedruckt, das sie als 85-Jährige gegeben hätte, einen Kommentar zur Verantwortung der Jugend und Interviews mit Schülern. Das Interesse von Jugendlichen an Anne Frank lässt nicht nach, stellt Mendel fest. Ihr Tagebuch ist inzwischen in mehr als 70 Sprachen übersetzt.

Die neue Drama-Version des Tagebuchs der Anne Frank von Leon de Winter und Jessica Durlacher feierte Anfang Mai in einem eigens gebauten Theater in Amsterdam Premiere. Eine Berliner Filmproduktionsgesellschaft dreht zwei Filme über sie, ein Doku-Drama für die ARD und einen Kinofilm, die beide nächstes Jahr gezeigt werden sollen. Und 2017 soll das Familie-Frank-Zentrum im Jüdischen Museum Frankfurt eröffnen, das rund 1.000 Erinnerungsgegenstände der Franks aus vier Jahrhunderten präsentiert. Mendel ist sich sicher: „Anne bleibt eine Identifikationsfigur.“

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