OLDENBURG Ausverkauft bis auf den letzten Platz – so präsentierte sich der Veranstaltungssaal der Oldenburgischen Landesbank am Dienstagabend einer gut gelaunten Runde: dem „Historischen Quartett“, bestehend aus den Oldenburger Historikern Eva Hahn, Ernst Hinrichs und Heinrich Schmidt. Komplettiert wurde der Kreis durch den Gast Andreas Kossert, der sein Buch „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ vorstellte. Und die fast 200 Besucher wurden nicht enttäuscht. In lebendiger Art – dank immer wieder eingestreuter humorvoller Bemerkungen herrschte von Beginn an eine gelöste Atmosphäre –, präsentierten die Wissenschaftler ausgesuchte Werke. Und natürlich ihre Meinung dazu. Das Erfrischende daran: Die Historiker nehmen sich selbst und die Literatur hier und da nicht ernster als nötig.

Je später der Abend, desto diskussionslustiger das Quartett. Ist man sich zu Anfang bei Reinhard Wolters „Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien“ noch einig, ein empfehlenswertes Werk vor sich zu haben (Schmidt: „Wir konnten uns gar nicht richtig zanken“), entfachte die Präsentation von „Goethe und Napoleon“ von Gustav Seibt die erste richtige Kontroverse.

Wie stark Goethes Bewunderung von Napoleon wirklich war, darauf konnten sich Eva Hahn und Ernst Hinrichs nicht verständigen. Auf den Punkt brachte es Andreas Kossert dann aber doch: Das Buch habe „keine starke These“, Seibt bleibe dem Leser die Antwort schuldig, was das Paar Goethe/Napoleon gemeinsam habe.

Kossert gehörte die zweite Hälfte des Abends. Ihn interessiert in seinem Buch, wie es für die deutschen Flüchtlinge nach 1945 weiterging. Trotz Lob (Hahn: „Ein sehr engagiertes Buch. Nicht mühsam wissenschaftlich-analytisch, sondern gut lesbar geschrieben“) provozierte er die Runde mit seiner These, deutsche Vertriebene seien kollektiv als Opfer der Nachkriegsgesellschaft anzusehen. Er spricht von Parallelgesellschaften, in denen die Flüchtlinge lebten. Vorwurf von Schmidt: „Da wird mir ein bisschen zu viel verallgemeinert. Das hat Ihr Buch gar nicht nötig.“ Kossert hält dagegen: Man müsse „einen Akzent setzen mit seiner These“.

Fazit: Ein gelungener Abend. Literatur präsentiert sich hier in ihrer lebendigsten Form, indem sie Menschen im (Streit-)Gespräch zusammenbringt.

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