Paris Luftaufnahmen von Wohnsilos in tristen Vorstädten, ein Gewitterhimmel vor der verschwommenen Skyline einer Stadt und ein Video, das zeigen soll, wie man in fünf Minuten sein Leben in Ordnung bringt: „Rester vivant“ (Lebendig bleiben) heißt die Ausstellung im Pariser Palais de Tokyo, die Frankreichs Starautor Michel Houellebecq, Enfant terrible der französischen Literaturszene, geschaffen hat. Bestsellerautor, Fotograf, Dichter, Regisseur, Schauspieler - und nun Houellebecq als Künstler.

Die 2000 Quadratmeter große Schau im Pariser Museum für moderne Kunst ist die erste Einzelausstellung, die Houellebecq (Jahrgang 1958, nach anderen Quellen 1956) mit seinen düsteren und kritischen Visionen der heutigen Gesellschaft bespielt. Sie vereint vor allem Fotografien und Videos. Erst kürzlich hatte er einen künstlerischen Selbstversuch gewagt: Auf der Kunstbiennale Manifesta in Zürich (bis 18. September) stellte er einige seiner Diagnoseresultate in Form von Pigmentdrucken aus.

Verödete Landschaften, Tod, die Unzulänglichkeit des Menschen, Sextourismus: In Paris hat der Diagnostiker des Zeitgeistes sein literarisches Universum umgesetzt. Deshalb nennt der Palais-de-Tokyo-Direktor und Kurator der Ausstellung, Jean de Loisy, die Werkschau auch eine Installation. Houellebecq habe die gesamte Konzeption übernommen, angefangen von der Musik bis hin zur Farbe der Ausstellungsräume.

Houellebecqs Interesse für die Kunst ist nicht neu. In seinem Werk taucht sie immer wieder in unterschiedlichster Form auf. So kommen in der Verfilmung seines Romans „Die Möglichkeit einer Insel“ Skulpturen zeitgenössischer Künstlerinnen vor. In seinem im Jahr 2010 mit dem Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Karte und Gebiet“ schuf er die Figur des Malers Jed Martin.

Schon 1995 hatte er mit Freunden die Zeitschrift „Revue Perpendiculaire“ gegründet, in der Themen der zeitgenössischen Kunst und Massenkultur behandelt wurden. Die Revue wurde ein Jahr später wegen Unstimmigkeiten zwischen den Gründungsmitgliedern und dem Redaktionskomitee wieder eingestellt. Seitdem habe sich Michel Houellebecq intensiv mit Kunst auseinandergesetzt, sagte de Loisy.

Die Werkschau zeigt Amateur-Fotografien von großer urbaner Traurigkeit, Aufnahmen mittelalterlicher Dörfer, die man durch die hässliche Flachbau-Architektur von Discountern wie Carrefour und Leaderprice verunstaltet hat. Symbole unserer Zivilisation, die Houellebecq in seiner Literatur kritisiert.

Die Fotografie sei für ihn eine bedeutende Kunst, erklärt de Loisy. Sie sei autonom, so wie die Dichtung. Die in der Werkschau ausgestellten Bilder stammen aus der Sammlung des Autors, der vor mehr als 20 Jahren die Fotografie für sich entdeckt hat.

Auf die Bilder von Mautstationen folgen Abbildungen greller Werbung für Freizeitparks und Zoos - Anspielungen auf Houellebecqs literarisches Thema des Tourismus und der Vergnügungsindustrie. Den am Boden ausgelegten bunten Tischuntersetzern mit Postkartenmotiven folgen wieder Fotografien. Diesmal von halbnackten Frauen, vorwiegend Bekanntschaften des Künstlers, wie de Loisy meint.

Das Finale der Ausstellung ist seinem 2011 verstorbenen Hund Clément gewidmet. Für Houellebecq verkörperte der Vierbeiner die absolute Liebe, l“amour absolu, die Liebe ohne Wenn und Aber und ohne die Komplikationen unter den Menschen. Zu sehen sind Zeichnungen, die größtenteils von Houellebecqs Ex-Gefährtin Marie-Pierre Gauthier stammen, sowie Bären und Kühe - Plüschtiere, mit denen Clément spielte.

Houellebecq war schon immer vom Leben und der Unzulänglichkeit des Menschen enttäuscht. Gleich ob als Dichter oder Filmemacher - seine nüchternen und kritischen Visionen hat er bislang am erfolgreichsten in seinen Romanen verarbeitet.

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