OLDENBURG Seit 228 Jahren geht dieses Drama schlecht aus, sterben Luise Miller und der junge Ferdinand. Klassen trennen sie, Intrigen vernichten sie. Kein Regisseur kann kitten, was Schiller im Trauerspiel „Kabale und Liebe“ tötet. Doch Regisseur Jasper Brandis hat für seine Oldenburger Inszenierung im Kleinen Haus eine Mischform erfunden. Die bewegt sich zwischen ein wenig lustig und meist tragisch.

Der Grund für das ungewöhnliche Hin und Her, teilweise von Szene zu Szene wechselnd? Die Aufführung ist offenbar als Schülerbelieferung gedacht. Schiller ist Abi-Thema, und Schülern traut man nicht zu, über drei Stunden, die der Liebestod braucht, wach zu bleiben.

Sieht man davon ab, kann man sich satt sehen, denn Rollen, Kleidung und Bühne sind außergewöhnlich gut aufeinander abgestimmt. Man blickt auf Türen von Amtsräumen, die sich mit den Räumchen dahinter auf Rollen schieben lassen. Alles wirkt wie aus den 60er-Jahren, auch die Musik, nach der gern getänzelt wird. Zum Transport des Stücks in die Gegenwart trägt die Einteilung in Neureiche und ärmere Leute bei.

Käsige Beine

Thomas Lichtenstein spielt einen armen Typen und hat die Faxen dicke. Er rast, brüllt, wirft die Arme hoch, schreit sich heiß. Lichtenstein ist der Vater der Luise. Er flucht nicht über sein scheußliches Cordsakko oder die hässlichen Sandalen, die ihm die Ausstatter verpassten, er flucht als Musiker Miller über die unschickliche Beziehung seiner Tochter Luise (hübsch mädchenhaft: Kristina Gorjanowa) zum Adeligen. Und während er meckert und mosert, fragt man sich, ob seine Gattin nicht genug durch ihr bräunliches Kleid gestraft ist.

Intrigant Wurm, der gern durch eine von acht Türen huscht, beginnt unterdessen Strickpullunder überzustreifen. Das wird uns über den Abend begleiten. Er hat blaue, graue oder rote, und sie sehen alle hässlich aus. Aber sie zeigen auch, was den Kerl bewegt: Spießigkeit gepaart mit unscheinbarer Berechnung.

Denis Larisch spielt den Erzverbrecher als Krämerseele. Wenn er mal aus dem Raum geht, knipst er eine rote Warnlampe an. Viel helfen tut’s nicht. Luise und der Heißsporn Ferdinand (wie vom Tennisplatz und mit käsigen Beinen in Bermuda-Shorts: Henner Momann) kommen nicht zueinander. Da kann Papa Miller noch so sehr gegen das absehbare Unglück krakeelen. Er wirkt nur wie seine Krawatte – kleinlich.

Dagegen ist der neureiche Präsident von Walter (prima primitiv: Thomas Birklein) ein machtgeiler Oligarch: 180 Volt im Arm, doch oben brennt die Birne nicht. Da freut man sich, dass Eva Maria Pichler als Lady Milford hübsche Klamotten spazieren führt.

Rotes Licht

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Die größte Ablenkung stellt der Hofmarschall von Kalb dar. Klaas Schramm mimt einen Alkoholiker und guten Parodisten Udo Lindenbergs. Mit solchen Mätzchen rettet sich das nach der Pause doch zähe Drama über die drei Stunden.

Es lindenbergelt und pullundert. Neun Schauspieler hängen sich rein und reißen alles raus. Sie sind letztlich besser als die Regie. Sie adeln den Abend. Dann knipst der Wurm endlich das rote Licht aus.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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