San Francisco Wer Woodstock sagt, meint gute Musik, Regen, Friede, Freude und chaotische Zustände. Wer Woodstock sagt, muss aber auch Altamont sagen. Und meint damit (überwiegend) schlechte Musik, Dreck, Chaos und brutale Gewalt. Zwei kleine Ortschaften in den USA, die eines verbindet: Sie waren beide Schauplatz von geschichtsträchtigen Rockfestivals, die vor nunmehr 50 Jahren stattfanden.

Doch während man sich beim Woodstock-Jubiläum gern als übergroße Projektion des Sechziger-Hippie-Traums erinnert, weckt Altamont ungute Gefühle. Denn im staubigen Gelände einer heruntergekommenen Autorennbahn, 100 Kilometer östlich von San Francisco, wurde ein Mensch direkt vor der Bühne ermordet. Als Meredith Hunter am 6. Dezember 1969 nach den Messerstichen eines Rockers starb, wurde die Idee von „Love and peace“ zu Grabe getragen. Die Blumenkinder-Ära hatte ihre Unschuld endgültig eingebüßt.

Wer letztlich Schuld hatte an den Ereignissen, wird wohl auf ewig ungeklärt bleiben. Wahrscheinlich war es eine toxische Mischung aus Größenwahn, Unfähigkeit, Geschäftemacherei und Blauäugigkeit, die in die Katastrophe führte. Der Grundgedanke des Festivals war ja ein freundlicher: Die Rolling Stones wollten zum Abschluss ihrer erfolgreichen US-Tournee 1969 ein Gratis-Konzert nach dem Vorbild von Woodstock geben, nur eben an der Westküste der Staaten.

Und auch die Teilnehmerliste – darunter Grateful Dead, Jefferson Airplane, Flying Burrito Brothers, Crosby Stills Nash & Young sowie eben die Stones als Gastgeber – besaß Klasse. Doch damit hatte es sich auch schon an Positivem, der Rest war schaurig. Ein paar Beispiele:

 Man hatte mit etwa 50 000 Zuschauern gerechnet – es kamen über 300 000. Die Folge: Verkehrschaos, viel zu wenig sanitäre Anlagen, kaum Verpflegung, medizinische Unterversorgung.

 Kurzfristig wurde das Festival verlegt von einer Rennbahn nahe Vallejo ins weiter entfernte Altamont. Die Folge: Bühne und Verstärkeranlage mussten in Rekordzeit aufgebaut werden und genügten nicht mal minimalem Standard. Wer nicht unmittelbar an den Lautsprechern stand, hörte nur Rauschen.

 Die Veranstalter hatten die Hells Angels als Ordner engagiert (Gage war Freibier für 500 Dollar). Der Grund: Die Stones hatten im Sommer mit den Londoner Rockern als Ordner ihres Freiluft-Konzerts im Hyde Park gute Erfahrungen gemacht – doch die Rocker aus San Francisco und Oakland waren alles andere als friedvoll. Sie besetzten mit ihren Motorrädern den Platz vor der Bühne und bescherten der ohnehin schlecht gelaunten Menge auch noch Angst und nackte Gewalt.

Diese negativ aufgeheizte Atmosphäre übertrug sich auf die Musik. Verzagt und lustlos spielten die ersten Bands ihre Songs herunter, selbst die Grateful Dead, eigentlich Freunde der Hells Angels, fühlten sich unwohl. Für Marty Balin, Sänger von Jefferson Airplane, kam es schlimmer: Er wurde auf der Bühne von Rockern zusammengeschlagen – während die Band spielte. Und die Show? Die ging weiter, wie der Konzert-Film „Gimme Shelter“ zeigt.

Die längere Pause bis zu den Stones nutzten alle Beteiligten, um ihre Aggressionen weiter zu steigern – und beendeten sie auch dann nicht, als die britischen Superstars endlich auftraten. Ein lahmer „Jumpin’ Jack Flash“ eröffnete das Konzert, es folgten
„Carol“ und „Sympathy for the devil“. Jagger unterbrach diese Stücke immer wieder, um Fans und Angels um Frieden zu bitten. „Seid doch cool endlich“, flehte Jagger. Ja, die Stones hatten Angst, gestand Gitarrist Mick Taylor später. Doch kaum einer im Publikum begriff, was vor sich ging.

Die Situation eskalierte schließlich im siebten Song, „Under my thumb“. Fast in Reichweite der Stones wurde Meredith Hunter verprügelt und dann erstochen. Man trug ihn umständlich hinter die Bühne, wo es Sanitäter gab. Zu spät: Der 18-Jährige war tot.

Das Überraschende: Die Rolling Stones spielten den Rest ihres Konzerts bis hin zum finalen „Street fighting man“ auf höchstem Niveau. Für die, die nur ihre Musik mitbekamen und sonst nichts, eine großartige Sache – für alle anderen längst unwichtig. Außer Hunter starben an jenem 6. Dezember vor 50 Jahren weitere drei Menschen beim Festival von Altamont; es waren Verkehrsopfer.

Der Albtraum von Altamont stellte den Schlusspunkt der soziokulturellen Bewegung dar, die heute unter „die bunten Sechzigerjahre“ firmiert. Die Festivals aber gingen weiter, es war einfach zu viel Geld zu verdienen. Immerhin: Sie wurden professioneller, sicherer und musikalisch reifer. Für die Opfer des bösen Trips von Altamont ist dies aber kein Trost.

Klaus Fricke
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