Berlin Sie geht keinem Konflikt aus dem Weg, sie will nicht beliebt sein, sie gibt die kriminellen Kids aus Berlin-Neukölln nicht auf. „Distanz kann ich nicht“, sagt Jugendrichterin Corinna Kleist (Martina Gedeck) in dem Fernsehfilm „Das Ende der Geduld“, der am nächsten Mittwoch (19. November) um 20.15 Uhr im Ersten gezeigt wird. Das Drama heißt genauso wie das Buch, das die bundesweit bekannte Jugendrichterin Kirsten Heisig geschrieben hat. Kurz nach Heisigs Suizid im Sommer 2010 ist ihr Vermächtnis erschienen.

Der Film greift die Analyse der Juristin zur Jugendkriminalität auf. Und er fragt, was falsch gelaufen ist bei der Integration. Was die Zuschauer aus einer Parallelwelt krimineller arabischstämmiger Familienclans mit Drogen und Armut im sozialen Brennpunkt Neukölln zu sehen bekommen, ist noch schonungsloser und zugespitzter als das Buch der Juristin. Der Film läuft als Teil der ARD-Themenwoche zur Toleranz „Anders als Du denkst“ (15. bis 21. November).

Heisig hatte gegen alle Widerstände das Neuköllner Modell initiiert. Nach diesem Modell werden die Straftaten von Jugendlichen in wenigen Wochen geahndet - und nicht erst Monate später. „Die Kids müssen schnellstmöglichst die Konsequenzen spüren“, sagt Kleist in dem Film fast beschwörend zu einem skeptischen Kollegen. Martina Gedeck („Das Leben der Anderen“, „Die Wand“) spielt die ungeduldige Richterin eindringlich und differenziert. „Und was ist mit den Opfern?“, fragt sie nachdenklich. Es soll nicht immer nur um die Täter gehen.

Die Widerstände in den Behörden gegen eine engere Zusammenarbeit treiben Corinna Kleist um. Sie gibt nicht auf, versucht immer wieder einen neuen Anlauf - und stellt alles infrage. Gedeck zeigt eine engagierte Frau, die immer härter gegen sich selbst wird. Kleist nimmt auch Tabletten und absolviert einsame Jogging-Runden. Nur in einem Satz offenbart die Juristin, dass sie auch Kinder hat.

Heisig habe keine Angst gehabt, zu polarisieren, sagt die Schauspielerin laut Pressetext. „Es ist gut, einen solchen Menschen nicht zu vergessen, und der Film wird dazu beitragen.“ Die 53-Jährige war ebenso wie ihr Schauspieler-Kollege Jörg Hartmann („Weissensee“) und Regisseur und Produzent Christian Wagner („Ghettokids“, „Hopfensommer“) etliche Male im Amtsgericht Tiergarten. Dort hatte Heisig ihren Arbeitsplatz.

Hartmann spielt den liberalen Richter Herbert Wachoviak. „Wir sind Richter, keine Sozialarbeiter“, gibt dieser im Film zu bedenken. „Mediengeil, berechnend, eine Irre“, ereifert er sich über Kleist und kann sich doch nicht entziehen. Als „Richterin Gnadenlos“ wurde Kirsten Heisig tatsächlich angefeindet. „Das ist doch kein Rassismus, wenn wir die Gesetze konsequenter anwenden“, sagt die Film-Richterin.

Corinna Kleist will Rafiq, der als Drogenkurier für seinen Bruder und Intensivtäter Nazir aus einem libanesischen Clan unterwegs war, eine Chance geben. Doch die Dinge entwickeln sich anders als gedacht. Eine Lehrerin wird verprügelt, ein Mädchen vergewaltigt, im Gerichtssaal gelogen. Dazwischen agiert auch der desillusionierte Polizist Hück (gespielt von Sascha Alexander Gersak), der die vielschichtigen Probleme auf drastische Punkte bringt. An einigen Stellen entsteht das Gefühl, dass sich Realität und Film vermischen.

Ist die Gesellschaft machtlos, was kann ein Einzelner bewirken? Zu den Fragen im Mittelpunkt des 90-Minuten-Streifens sagt Regisseur Wagner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: „Es gibt Hoffnung, wenn Menschen über das Normale hinausgehen und ihnen nicht alles gleichgültig ist.“ Kirsten Heisig stehe für „Zivilcourage in eingeschlafenen Strukturen“. Aber „eine Ikone war sie eher nicht“, sondern zutiefst menschlich. Wagner bedauert, dass er Heisig nicht persönlich kannte.

Der 55-Jährige betont auch, dass längst nicht alle in Deutschland lebenden Araber kriminell seien. „Das ist kein Film, der gegen Libanesen ist.“ Viele Potenziale lägen brach. Die Gesellschaft müsse sich fragen, warum es nicht gelingt, Migrantenkinder besser in Schulen einzubinden oder warum deren Eltern oft nur schwer zu erreichen seien. „Wenn es über das Neuköllner Modell gelingt, nur einen jungen Menschen von einer kriminellen Laufbahn abzubringen, wäre das schon was“, sagt Wagner.

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