Reepsholt Die Geschichte der großen Musik ließe sich auch unter dem Aspekt der zeitgenössischen Verkennungen schreiben. Was heute bewundert wird, das löste bei der Uraufführung häufig einen Sturm der Entrüstung aus. Und das betrifft keineswegs nur Werke, die zu neu, zu ungewohnt, zu revolutionär waren.

Was das Auditorium am 5. März 1904 in Paris störte, als das Heymann-Quartett das einzige Streichquartett von Maurice Ravel uraufführte, das ist 115 Jahre später, nach dem Ereignis der Aufführung durch das Amaryllis-Quartett in der pittoresken St. Mauritiuskirche in Reepsholt, nur noch rätselhafter.

Im Rahmen der sommerlichen „Gezeitenkonzerte“ gelang dem Amaryllis-Quartett (Gustav Freilinghaus und Lena Sandoz an den Geigen, Tomoko Akasaka an der Bratsche und Yves Sandoz am Cello) eine in Worten nicht entfernt adäquat wiederzugebende Über-Alles-Interpretation. Man kann Ravels Streichquartett anders spielen, aber das Ereignis dieser Aufführung hinterließ auch dem kritischen Ohr einen Einklang von Komposition, Aufführungsduktus, Technik, Ausdruck und Rundheit, der selten ist.

Selbst Kleinigkeiten wie das vollkommen präzise Ansetzen bei den einzelnen vier Sätzen, die erstaunliche Balance zwischen den vier Instrumenten, das ganz befreit und spielerisch geschehende Aufblühen des Ur-Themas in verschiedene Seitenthemen hatte nichts Druckvolles oder Gewolltes. Es war, als wohnte man einem Wachstumsprozess bei, in dem sich einfache, reine Schönheit offenbart und keineswegs der Ausdruckswille eines Komponisten oder der seiner Interpreten.

Bei dieser Wiedergabe ging es ohne den Umweg eines gewollten Interpretationsansatzes um das verhalten konservative, geradezu klassische Element des glühenden Mozart-Verehrers Ravel: um eine vollendete Form, um die Ausgewogenheit der Proportionen, um den subtilen Ideenreichtum, um die transparente Klanglichkeit und um die farbige Brillanz.

Das Ergebnis war wirklich ein Ereignis und ließ niemanden kalt. Das Ambiente verstärkte noch die Assoziation, einem ästhetischen Gottesdienst beigewohnt zu haben.

Eingerahmt wurde dieser interpretatorische Höhepunkt in Reepsholt von zwei ebenso gewichtigen wie in der Wiedergabe gelungenen Werken, dem „Vogelquartett“ C-Dur op. 33/3 von Joseph Haydn und dem mit der großen sinfonischen Geste komponierten und den Rahmen der Kammermusik fast schon sprengenden Klavierquintett f-Moll op. 34 von Johannes Brahms.

Beim Klavierquartett dann vervollständigte Matthias Kirschnereit am Klavier das so exzellent eingespielte Quartett zu einem Quintett.

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