OLDENBURG Die Bekanntschaft zwischen Ernst Beyersdorff (1885–1952) und Karl Schmidt-Rottluff, aus der eine lebenslange Freundschaft erwuchs, begann 1908 in Oldenburg. In diesem Jahr zeigten Erich Heckel und Schmidt-Rottluff, die 1907 erstmals in Dangast aufgetaucht und sogleich Mitglieder im Oldenburger Künstlerbund geworden waren, ihre jüngsten Arbeiten in einer Ausstellung, die nicht als Veranstaltung des Oldenburger Kunstvereins bezeichnet werden durfte. Dem Vorstand erschien es riskant, mit den „jungen Stürmern“ gemeinsame Sache zu machen, nachdem ihre Beteiligung an vorangegangenen Ausstellungen beim konservativen Publikum auf Unverständnis gestoßen war.

Immerhin waren die „Oldenburger Nachrichten“ dazu bereit, die Ausstellungsbesprechung eines namentlich nicht genannten Verfassers wiederzugeben. In dem „unbekannten Kritiker“ konnte Jahrzehnte später der damals 23-jährige Ernst Beyersdorff erkannt werden. Im Kunstverein engagierte er sich schon früh als Sprecher der aufbegehrenden Jüngeren, mit denen er die „Vereinigung für junge Kunst“ begründete.

1909 hatte Beyersdorff als Einziger aus dem Oldenburger Land die passive Mitgliedschaft der Künstlergemeinschaft „Brücke“ erworben. Sein Name bildet den Abschluss des von Ernst Ludwig Kirchner geschnittenen Mitgliederverzeichnisses.

Schmidt-Rottluffs Postkarte vom 20. Juli 1922 ist mit dem Anschriftenstempel seines pommerschen Sommerdomizils versehen, in dem er sich 1922 mit seiner Frau zum dritten Mal aufhielt. „Seit ein Paar Tagen sind wir wieder hier – vorläufig bläst noch ein kräftiger Wind über die weite Ostsee – aber dies unbezeichenbare Blau der Luft ist schon eine große Erquickung und die klar und bestimmt gegeneinander gesetzten Farben – vielleicht sind die Farben hier nicht so schwer wie in Oldenburg – aber sie sind ebenso stählern und ohne Zweideutigkeiten“, hatte er Beyersdorff am 12. Juni mitgeteilt. Nun beklagt er sich über die schlechte Wetterlage, die nicht schuldlos an der in diesem Jahr deutlich zurückgegangenen Gemäldeproduktion gewesen sein dürfte.

Bei der Zeichnung der Karte konnte zwar sogleich von einer Porträthaftigkeit ausgegangen werden, doch handelt es sich nicht – wie noch im Katalog der Oldenburger „Brücke“-Bestände von 1990 angenommen – um ein Selbstporträt des Künstlers, sondern nach Bestätigung durch Jershöfter Zeitzeugen um den Bauern Karl Wolter, bei dem die Schmidt-Rottluffs Quartier bezogen hatten. Die flache Schirmmütze ist eine damals häufige Kopfbedeckung der männlichen Landbevölkerung. Der Dargestellte lässt sich auf mehreren in Jershöft entstandenen Arbeiten Schmidt-Rottluffs wiederfinden.

Die charakterisierenden Farben sind auf den Dreiklang von Braun, Gelb und Blau beschränkt, die architekturale Komposition verwandelt das Kunstwerk in das Denkmal eines Menschen, dessen Leben der Arbeit gewidmet ist.

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