Hamburg Peter Lindbergh hat für seine erste selbst kuratierte Ausstellung zwei Jahre in seinem riesigen Konvolut nach den passenden Bildern gesucht. Es entstand ein grandios vielschichtiges Assoziations-Puzzle mit 140 überwiegend Schwarzweiß-Aufnahmen. Zuerst wurde „Untold Stories“ eine „Herzenssache“ für den Fotografen, dann sein Vermächtnis. Zwei Tage nach der Fertigstellung starb der 74-jährige Peter Lindbergh im vergangenen September in Paris.

Die Schau, die am 20. Juni im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet wurde, ähnelt bis auf wenige Ausnahmen der Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast, wo „Untold Stories“ im Februar Premiere feierte und weiterhin zu sehen sein wird. Dessen Direktor Felix Krämer hatte die Idee für diese Art „Best of“ des Fotografen, das Peter Lindbergh komplett selbst auswählen, arrangieren und betiteln sollte, und rannte bei dem Meister offene Türen ein.

Lindbergh erneuerte Genre

Peter Brodbeck alias Peter Lindbergh kam in Polen zur Welt, wuchs in Duisburg auf und lebte in New York und Paris. Der Sohn eines Handelsvertreters und einer Hausfrau studierte zunächst Kunst, bevor er die Fotografie für sich entdeckte und ab 1973 ein Atelier für Werbefotografie in Duisburg unter seinem Künstlernamen führte. Fünf Jahre später schaffte Peter Lindbergh mit einer Foto-Strecke für den Stern den Sprung in die Modeszene. Mit seinen charakteristischen Schwarzweiß-Bildern vom nahbaren Supermodel und der eher beiläufigen Inszenierung von Mode erneuerte Peter Lindbergh das Genre. Er wurde seit den 1980ern ein gefragter Fotograf und arbeitete mehr als 40 Jahre für internationale Zeitschriften, darunter Vogue, Harper’s Bazaar, The New Yorker, Rolling Stone. Überdies fotografierte er nahezu alle Top-Models sowie bekannte Pop-Stars, Schauspieler und weitere Promis. Trotz dieses Erfolgs hatte Peter Lindbergh es nie verlernt, sich selbst zu überraschen. Etwa mit „Untold Stories“.

„Als ich meine Fotos das erste Mal an der Wand im Ausstellungsmodell gesehen habe, habe ich mich erschreckt, aber auch positiv. Es war überwältigend, auf diese Art vor Augen geführt zu bekommen, wer ich bin“, erzählte Peter Lindbergh im Sommer 2019 Felix Krämer in einem ausführlichen Gespräch, das im Ausstellungskatalog abgedruckt ist. Peter Lindbergh hat eine sehr persönliche Ausstellung kreiert, die so kein Kurator gemacht hätte. Beispielsweise fehlen zahlreiche Model-Fotos, die als Ikonen gelten. Dafür hängen im Hauptteil der dreigeteilten Schau Bildergruppen, die aus bekannten Motiven und unveröffentlichten Fotos zusammengesetzt sind. Diese Arrangements folgen einer losen Chronologie von den 1980er bis in die Gegenwart und offenbaren dem Betrachter vor allem zwei Dinge.

Peter Lindbergh war ein Geschichtenerzähler, der früh seine Handschrift gefunden hatte. Man erkennt auf den großformatigen Fotos in den dunkelbraunen Holzrahmen keine Modemarken und kann die Werke kaum einer bestimmten Dekade zuordnen. Kleine weiße Kärtchen klären auf, wer, wann, wo zu sehen ist. Und zweitens: Peter Lindbergh suchte stets eine Verbindung zu Nicole Kidman, Linda Evangelista, Naomi Campbell, Pina Bausch und den vielen anderen Models und Künstlerinnen, die immer wieder in der Ausstellung zu sehen sind. Viele dieser Frauen waren für Peter Lindbergh nicht bloß Gesichter und Körper, sondern auch Freundinnen und Vertraute.

In unterschiedlichen und unkommentierten Bildergruppen setzt Peter Lindbergh die überwiegend weiblichen Modelle und bisweilen auch Kinder und Männer mit Stillleben und Naturaufnahmen in bislang ungesehene Beziehungen zueinander. Auf diese Weise schafft er assoziative Gedankenräume, die offen sind für die unterschiedlichsten Geschichten. Beim Fantasieren helfen Lindberghs Faibles für Kunstgeschichte, Film, Ausdruckstanz und Industriearchitektur, die häufig eine Rolle spielen, wenn der Fotograf seine Bilder aufwendig inszenierte. New Yorker Mafia-Gang-Szenen, dystopische Stadtlandschaften oder Wilder-Westen-Impressionen ergänzen sich mit eindringlichen Close-ups. Die Werke laden zur stillen Auseinandersetzung ein mit Heidi Mount, in deren Augen sich eine tiefe Melancholie spiegelt, oder man sinniert über das Paar Damenschuhe, die verloren im Sand liegen. Andere Werke sind dagegen so aufregend, dass sich der Betrachter kaum retten kann vor Gedankenblitzen. Eine Bilderwand mit 25 Porträts, Objektbildern, Schnappschüssen, Naturszenen gleicht einer Bilanz. Wie in einem Rausch scheint das Leben vorbeizuziehen und zeigt Momente von Angst und Freude, Wut und Liebe, Schmerz und Glück, Sehnsucht und Erfüllung.

An Menschen interessiert

Peter Lindbergh, der sich als Fotograf mehr für Menschen als für Mode interessierte und mit diesem Ansatz die Modefotografie auf ein neues Level hievte, rahmt seine wichtigsten Aufnahmen ein mit zwei Installationen. „Manifest“ ist eine atmosphärische Einleitung in Peter Lindberghs Schaffen. Grob plakatiert, mit sichtbaren Kleister-Resten, Flecken und Kanten, hängen emblematische Lindbergh-Fotos in einer großformatigen Collage vom Boden bis zur Decke. Stilsicher unperfekt und souverän pendelnd in dem Lindberghschen Dreieck zwischen Coolness, Sentimentalität und Intimität.

Eine bislang unbekannte Seite des Künstlers präsentiert die Filminstallation „Testament“ (2014). Ein in den USA zum Tode verurteilter Mörder schaut eine halbe Stunde auf sein Spiegelbild und hält seinem eigenen Blick stand. Peter Lindbergh hat diese stumme Auseinandersetzung einer Person mit sich selbst von der anderen Seite des Einwegspiegels gefilmt. Der erstmals gezeigte Farbfilm hat ästhetisch nichts gemein mit dem Foto-Œuvre, unterstreicht indes aus anderer Perspektive eindrucksvoll die Empathie, die sich als Leitthema durch Peter Lindberghs Werk zieht.

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