WILHELMSHAVEN Ob seine Figuren zum Schluss nur faule Kompromisse schließen, einen fairen Deal eingehen oder sich tatsächlich in der Welt der Fjorde „akklimatisiert“ haben, wie das dem Lebenskünstler Ballestad (Friedrich Scheler) gelungen ist, das lässt Henrik Ibsen in seinem Stück „Die Frau vom Meer“ offen. Vieles deutet in Michael Blumenthals Inszenierung, die Sonnabend im Stadttheater Wilhelmshaven Premiere feierte, darauf hin, dass Dr. Wangel, Ellida, Bolette oder auch Arnholm weit von Ballestads Philosophie entfernt sind.

Ibsens Figuren agieren zwischen Rationalismus und einem Irrationalismus, der dem Mythos vom Meer entspringt. Als Ellida (Verena Karg), zweite Frau des Landarztes Dr. Wangel (Thomas Hary), erfährt, dass der Seemann, dem sie sich in jungen Jahren versprochen hatte, kurz vor seinem Tod von ihrer Hochzeit und somit von ihrem Verrat erfahren hat, ist es mit ihrer Ruhe vorbei.

Für sie ist der Zeitpunkt gekommen, ihrem Mann das Verlobungsversprechen zu beichten – erst recht, als der Totgesagte (Oliver Schönfeld) plötzlich auftaucht und sie auffordert, mitzukommen. Auf Wangels Ein- und Widersprüche reagiert Ellida zunehmend aggressiv und hysterisch. Sie verlangt, freigegeben zu werden, um sich frei zwischen Wangel und dem Seemann entscheiden zu können. Nur schweren Herzens, aber nicht zu spät, kommt Wangel dieser Forderung nach und gewinnt Ellida zurück. Das Paar versöhnt sich und findet eine neue emotionale Basis. Hary und Karg spielen diesen Selbstfindungsprozess vielleicht nicht immer brillant, aber spannend.

Ganz anders sieht die Geschäftsgrundlage zwischen Wangels ältester Tochter Bolette (fast eine Idealbesetzung: Aida-Ira El-Eslambouly) und ihrem ehemaligen Lehrer Arnholm (von Holger Teßmann überzeugend gespielt) aus. Bolette, die nur das Ziel kennt, „ich will hier raus“, weigert sich lange, einer irgendwie gearteten Beziehung mit Arnholm zuzustimmen. Erst als sie merkt, welche Macht sie über Arnholm hat, geht sie auf dessen Angebot ein, mit ihm die Welt kennenzulernen.

Während in Blumenthals Inszenierung die Konfliktlösung zwischen Wangel/Ellida und Arnholm/Bolette plausibel dargestellt ist, so fehlt beim dritten Paar die Balance. Was nicht an Kathrin Ost liegt, die der jüngeren Wangel-Tochter Hilde die kecke Frische eines Backfisches gibt. Georg Lippert, der den Rekonvaleszenten Lyngstrand spielt, scheint nicht verstanden zu haben, dass Lyngstrand mit großer Ernsthaftigkeit gespielt werden muss und nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden darf.

Was der Inszenierung gut gelingt: Sie zeigt das komplexe Verhältnis von Menschen zur Natur. Das Publikum applaudierte zum Schluss heftig.

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