Oslo /Frankfurt Der Autor Lars Mytting stapft zwischen jahrhundertealte Gräber den Hügel hinauf zur Stabkirche von Ringebu. Die ältesten Teile stammen aus dem 12. Jahrhundert. Ohne einen einzigen Nagel wurden die Holzkonstruktionen gebaut, Meisterwerke nordischer Baukunst und Schnitzkunst.

Nur noch 28 Stabkirchen gibt es in Norwegen, die meisten wurden zerstört – wie auch die Stabkirche von Ringe­bu in Myttings Roman „Die Glocke im See“. Der Autor wuchs einen Steinwurf davon im Gudbrandsdal auf, und dort spielt auch sein Roman. Mytting ist nach Ringe­bu gekommen, um aus seinem Buch zu lesen. Schon als Kind habe er hier gesessen, erzählt er in der Kirche: „Dieser Ort erfüllt mich mit meditativer Energie.“

Schwergewichte

Auch andere Autoren schöpfen aus der Geschichte und den Besonderheiten des Landes. Roy Jacobsens Saga „Die Unsichtbaren“ spielt auf einer Insel, die nur von einer einzigen Familie bewohnt wird. Seine Mutter sei so aufgewachsen, erzählt Jacobsen 1000 Kilometer südlich dieser Insel, in der Nationalbibliothek von Oslo. „Eine Insel, eine Familie – das war früher normal in Norwegen.“ Als Kind fuhr er jeden Sommer mit Eltern und Schwester auf die Insel zum wortkargen Großvater: „Es war ein exotisches Leben in totaler Armut.“ Als er beschloss, Schriftsteller zu werden, zog er später selbst auf eine einsame Insel, arbeitete als Walfänger und begann zu schreiben.

Mytting und Jacobsen sind Schwergewichte der norwegischen Literaturszene, auch wenn sie im Ausland nicht so bekannt sind wie Karl Ove Knausgård, dessen autobiografisch anmutende Bücher mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen werden. Das dünn besiedelte Land hat drei Literaturnobelpreisträger hervorgebracht, auch wenn das schon länger her ist: Bjørnstjerne Bjørnson 1903, Knut Hamsun 1920 und Sigrid Undset 1928.

Zu den Stars einer jüngeren Generation zählt Simon Stranger, der für seinen aktuellen Roman ebenfalls ein historisches Thema mit persönlichem Bezug wählte. Seine Schwiegermutter stamme aus einer jüdischen Familie, erzählt er. Sie sei in einem Haus aufgewachsen, in dem wenige Jahre zuvor ein Doppelagent im Auftrag der Nazis gefoltert und gemordet habe. „Vergesst unsere Namen nicht“ erzählt zwei Geschichten in einer – die des „meistgehassten Menschen Norwegens“ und die der jüdischen Familie, die in dieses Haus zog.

Der Eindruck, norwegische Autoren schöpften nur aus der Historie, ist dennoch falsch. Neben Krimiautoren wie Jo Nesbø gibt es auch viel Heutiges zu entdecken. Auffällig oft geht es dabei um Fluchten: Tomas Espedal will in „Bergeners“ fort aus der Stadt, in der es immer regnet und alle nur von Knausgård reden. In „Die Einsamkeit der Seevögel“ von Gøhril Gabrielsen flieht eine Wissenschaftlerin ans nördlichste Ende der Welt. In „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstad flieht ein Jugendlicher aus Stavanger in die USA. In „Trost“ von Ida Hegazi Høyer stürzt sich eine Reisende in drei europäischen Großstädten in sexuelle Abenteuer.

Im Herbst spülen die Verlage eine Flut norwegischer Neuerscheinungen in die deutschen Buchhandlungen. Helga Flatland bringt „Eine moderne Familie“ zum Einstürzen. Lotta Elstad will in „Mittwoch also“ ein Kind loswerden – klingt tragisch, ist aber witzig. Neues gibt es von Maja Lunde, die nach der „Geschichte der Bienen“ nun „Die Letzten ihrer Art“ herausbringt; von Erik Fosnes Hansen, der nach seinem Besteller „Choral am Ende der Reise“ nun die Hotel-Saga „Ein Hummerleben“ vorlegt; und von Per Petterson, der nach „Pferde stehlen“ etwas resigniert über „Männer in meiner Lage“ berichtet.

Umsatzgarant

Zu den anspruchsvollsten Autoren Norwegens zählt Jon Fosse, der in Deutschland hauptsächlich als Dramatiker bekannt ist. Sein neuer Roman heißt „Der andere Name“. In einem hypnotischen Sprach-Sermon berichtet Fosse von zwei Versionen eines Malers, der sich am Ende selbst begegnet. Weltweit von Kritikern gefeiert wurde auch ein Roman, der nach 20 Jahren erstmals auf Deutsch erscheint: Dag Solstads „T. Singer“, das Porträt eines Manns ohne Eigenschaften, aber voller Skrupel.

Jostein Gaarder lieferte mit „Sofies Welt“ Anfang der 1990er Jahre den ersten norwegischen Blockbuster. Bis heute ist sein Name ein Umsatzgarant. Sein neues Buch „Genau richtig“ erzählt von einem Mann, der nach einer Krebsdiagnose in einer Waldhütte um Leben und Tod ringt. Er erfülle damit ein Versprechen, das er sich selbst als Kind gegeben habe, berichtete Gaarder in Oslo. „Ich schwor mir, nie erwachsen zu werden, nie die Welt als gegeben hinzunehmen. Darum wurde ich Schriftsteller.“

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.