Oldenburg Alles schwarz. Kein Licht, kein Bild. Plötzlich erhellt links und rechts das aufblitzende Mündungsfeuer knallender Revolver die Dunkelheit. Einzelne Stimmen, dann wieder Schwärze.

Der Auftakt ist Programm: Es wird viel geballert in diesem Western. Und es fließt jede Menge Blut. So weit das Klischee, dennoch ist „The Sisters Brothers“ etwas anders: Für die beiden Auftragskiller Charlie und Eli Sisters ist auch der Filmtitel Programm: Sisters (Schwestern) weist nicht gerade subtil daraufhin, dass sich unter der knallharten Schale der Brüder eine weibliche Seite verbirgt. Und tatsächlich schießen in diesem Western die Männer nicht nur, sie weinen auch hemmungslos – wenn auch nur in der Dunkelheit und versteckt unter der Decke.

Voller Zweifel

Der Film des französischen Regisseurs Jacques Audiard, der dafür 2018 bei den Filmfestspielen von Venedig den Silbernen Bären als Bester Regisseur erhielt (Kinostart am Donnerstag, 7. März), erfüllt alle Erwartungen an einen Western und enttäuscht sie zugleich, indem er seine Hauptdarsteller einerseits als typische Figuren ihres Genres zeichnet, sie andererseits aber mit Intelligenz und Eloquenz, Selbstzweifeln und Gefühlen ausstattet. Das macht ihn zu etwas ganz Besonderem. Dass er zudem hochkarätig besetzt ist und in wunderschönen Landschaftsaufnahmen schwelgt – gedreht wurde in Rumänien und Spanien – macht ihn noch sehenswerter.

Bundesstart am 7. März

Der Film „The Sisters Brothers“ startet an diesem Donnerstag, 7. März, in den deutschen Kinos. Im Oldenburger Cine k (Bahnhofstraße 11) ist er sowohl in der Übersetzung als auch in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln zu sehen.

Der Regisseur Jacques Audiard ist inzwischen einer der wichtigsten Vertreter im zeitgenössischen französischen Kino. Für „The Sisters Brothers“ erhielt er 2018 in Venedig einen Silbernen Bären. Bei den im Januar in Paris vergebenen „Prix Lumières“ wurde der Film gleich in drei Kategorien ausgezeichnet: als bester Film, für die beste Regie und beste Kamera.

Das berüchtigte Brüderpaar Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli (John C. Reilly) Sisters ist im Namen des geheimnisvollen „Commodore“ unterwegs von Oregon nach Kalifornien, um den Goldsucher Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) zur Strecke zu bringen. Nicht ohne dass dieser zuvor die chemische Formel verrät, mit deren Hilfe Gold im Wasser sichtbar werden soll. Ihr Kontaktmann John Morris (Jake Gyllenhaal) hat den Goldsucher mit seiner Wunderformel bereits aufgespürt. Eigentlich soll er ihn nur festhalten, aber er freundet sich mit ihm an, mehr noch, er lässt sich von dessen Träumen anstecken: Träume von einer gerechteren, demokratischen Welt ohne Gewalt.

Als die vier dann aufeinandertreffen, sind die Killerpläne schon bald passé. Stattdessen wollen sie gemeinsame Sache machen und werden flugs zu üblen Umweltsündern: Sie kippen eine giftige, ätzende Brühe in einen Fluss, werden mit funkelndem Gold belohnt und müssen dafür schwer bezahlen.

Der Rest lässt sich kurz zusammenfassen: Noch mehr Schüsse, noch mehr Leichen, zum Schluss tatsächlich ein unerwarteter Hoffnungsschimmer und dafür Standing Ovations beim Festival von Venedig. Die galten dem Regisseur, aber wohl auch den herausragenden Darstellern. Allen voran John C. Reilly, der sonst nur in Nebenrollen glänzt und dessen Name kaum einer kennt, der aber hier zum Star aufrückt.

Der französische Regisseur Audiard hat sich den gleichnamigen Roman des kanadischen Schriftstellers Patrick deWitt zur Vorlage genommen. Buch und Film erweitern das Westerngenre, machen Platz für Ironie, Wortwitz und anrührende Momente, die niemand in einem Western vermuten würde.

Grund zum Flennen

Und so schreibt Morris seitenweise in ein Tagebuch und erleidet Eli, als er sein Pferd tot auffindet, fast einen Kreislaufkollaps. Und nicht zu vergessen die Tränen von Charlie: Joaquin Phoenix spielt den aggressiven und versoffenen jüngeren Bruder mit aller Leidenschaft und aufblitzenden Stimmungsschwankungen. Gegen Ende hat er aber allen Grund zum Flennen.

„Außen hart und innen ganz weich“ – von verletzlichen Männerseelen sang einst schon Herbert Grönemeyer. Wer sich nicht daran stört, dass sie nun auch im guten alten Western ihre zarten Seiten offenbaren, ist in dem Film „The Sisters Brothers“ bestens aufgehoben.

Regina Jerichow Stellv. Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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