Oldenburg Die abstrakten, leicht fließenden Formen, zumeist in Bronze gegossen, wiegen mehr als vermutet und tragen Titel wie „Meeresspiel“, „Kleine Wolke auf großer Fahrt“, „Die Kogge“ oder „Meeresarchitektur“. Die Zeichen seiner großen Liebe zum Wasser finden sich überall im Werk und Atelier des Bildhauers Udo Reimann, nicht nur am grünen Eingangstor, an dem ein weißroter Rettungsring prangt. Er habe ein Faible für die Nordsee, sagt der Künstler – am liebsten bei Windstärke sieben oder acht – und zeigt wenig später ein Schwarzweiß-Foto: Der Zwölfjährige auf dem Segelboot ist er selbst.

Beherrschendes Element

Dass Wasser ein beherrschendes Element im Werk des in Schlesien geborenen Künstlers ist, verwundert also nicht. Auf zahlreichen öffentlichen und halböffentlichen Plätzen im Nordwesten stehen seine wuchtigen, schweren Arbeiten. Es sind nicht etwa banale „Brunnen“, sondern „Wasserskulpturen“, wie er sie nennt.

Udo Reimann, der am 22. Juli 80 Jahre alt wird, verschlug es nach der Vertreibung aus dem schlesischen Jauer im Jahr 1945 zunächst nach Neuenburg. Nach seiner Schulzeit studierte er Bildhauerei an der Staatlichen Kunstschule Bremen. 1968 schließlich kam er nach Oldenburg, wo er 1969 einen Wettbewerb und den Auftrag für einen Brunnen, Pardon, für eine Wasserskulptur gewann, die an zentraler Stelle in der Fußgängerzone errichtet wurde.

Auszeichnungen und Skulpturen

Der Bildhauer Udo Reimann wurde mehrfach ausgezeichnet. Er erhielt unter anderem den Kulturpreis der Oldenburgischen Landschaft (2011) und das große Stadtsiegel (2013).

Nicht nur in Oldenburg auch an anderen Orten hatte er Erfolg mit Skulpturen im öffentlichen Raum: etwa in Varel, Bockhorn, Haselünne, Sande und Cloppenburg. In Wilhelmshaven realisierte er 1985 das Skulpturen-Ensemble „Gericht und Recht“.

Wer ihn in seinem geräumigen Atelier besucht, stößt nicht nur auf zahlreiche Fundstücke aus dem Meer, sondern vor allem auf Kunstwerke aus Schiefer, Marmor, Bronze oder Gips und neuerdings auch auf viele handliche Skulpturen. „Die werden immer kleiner“, sagt der fast zerbrechlich wirkende Künstler verschmitzt. In seiner langen Laufbahn hat er die dicksten Brocken bewegt und tonnenweise Steine behauen. „Aber es ist die gleiche Arbeit, egal ob die Skulptur zwei Meter groß ist oder nur 20 Zentimeter.“

Vor gar nicht langer Zeit hat er eine alte Mappe wiederentdeckt, schmutzig und voller Kaffeeflecken, in der er Skizzen aus den frühen 60er Jahren aufbewahrt hatte. Damals wurden sie nie ausgeführt, aber nun findet eine nach der anderen zu plastischer Form in Bronze: eine abstrakte Eule etwa, so rundlich und glatt wie ein Handschmeichler, eine Krabbe, die fast nur aus ihren beiden angriffslustig hervorgestreckten Scheren besteht, oder zwei nur angedeutete Figuren, die sich wie im Sturm aneinanderschmiegen: „Vertriebene“ hat Reimann die zarte, dennoch schwer in der Hand liegende Skulptur genannt.

Widerständiges Material

Im Vergleich zu Reimanns wohl größtem Werk aber ist sie nur ein Fliegengewicht: Ende der 1980er Jahre gewann Reimann einen weiteren Wettbewerb in Oldenburg: den für ein Mahnmal, das allen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet ist und an der Peterstraße realisiert wurde, diesmal ganz ohne Wasser. 70 stürzende, nach Größe gestaffelte Säulen aus schwarzblauem Basalt symbolisieren die Ohnmacht der Opfer. Diesem Mahnmal, erinnert er sich, sei eine psychische Krise gefolgt, aus der er sich erst nach Monaten habe befreien können. Da sei wohl etwas aus seiner Geschichte von Flucht und Vertreibung wieder hochgekommen.

Widerständig war schon das Material des Mahnmals: Basalt übertrifft selbst die sprichwörtliche Härte von Granit. Das ist aber noch nichts gegen den „Eisenfresser“. So nennt Reimann den schwedischen Sandstein, bei dessen Bearbeitung jedes Werkzeug zu Bruch geht. Mit Steinen kennt sich der Bildhauer aus, fast zärtlich zeigt er Proben von weißem Carrara-Marmor, schwärmt von der Oberfläche des Schiefers.

So ohne Weiteres nähert er sich dem Stein nicht. Vor der Arbeit müsse er erst eine „Beziehung“ zu ihm aufbauen, erläutert er. Dann aber hält ihn nichts mehr auf. Einmal haben ihn selbst zwei Leistenbrüche nicht gehindert.

Noch immer verspürt Udo Reimann „so eine innere Unruhe“ und geht jeden Tag ins Atelier, um zu arbeiten – an privaten Aufträgen oder nach den Skizzen aus der Mappe. Der kleine Flaschenzug im Vorraum allerdings ist nur noch Dekoration.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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