Oldenburg Der Wunsch nach „Independence“, nach Unabhängigkeit und Freiheit, nach einer besseren Welt ohne Unterdrückung hat seit jeher den politischen Wandel angetrieben. Doch was bedeutet der Begriff eigentlich? „In jedem wohnen zwei Seelen“, sagt Marc-Oliver Krampe, Chefdramaturg im Schauspiel am Oldenburgischen Staatstheater am Donnerstag bei der Vorstellung der choreographischen Installation „Independence in Space“, die an diesem Samstag im Edith-Russ-Haus Premiere feiert. „Da ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, aber auch der kraftraubende Kampf nach Emanzipation. Es ist das zen-trale Thema unserer Zeit.“

Die Costa Compagnie hat sich gemeinsam mit den Ensembles der Staatstheater Oldenburg und Nürnberg auf eine internationale Recherche-Reise begeben. Dabei ging es in den Südsudan, dem jüngsten Staat der Welt, am ursprünglichen Brexit-Tag im vergangenen März nach Großbritannien sowie nach Bayern, wo eine Partei nach einem Europa der Regionen strebt, erzählt Regisseur Felix Meyer-Christian. Ein „großer Bogen“ wurde so geschlagen. Neben dem Tänzer und Choreographen Jascha Viehstädt werden die Schauspielerinnen Katharina Shakina und Helen Wendt sowie die katalanische Tänzerin und Performerin Montserrat Gardó Castillo auf der Bühne stehen.

Jeweils vier Stunden lang widmet sich das Quartett am Samstag und Sonntag dieser Frage. Dabei setzen die Tänzer in der choreographischen Installation eine abstrakte Situation mithilfe folkloristischer Tänze um, die von einer sehr präsenten Soundinstallation mit Rhythmen und Audio-Inhalten der Recherche begleitet wird. Das Publikum wird wahrgenommen – eine Partizipation ist jedoch nicht geplant. Jeder hat für sich die Freiheit, über Freiheit nachzudenken.

Die gebürtige Katalanin Gardó Castillo hat die Choreographie stark mit ihren persönlichen Erfahrungen inspiriert. „Ich habe eine komplizierte Identität“, sagt die Tänzerin. Ausgebildet in einer französischen Schule lebt sie seit nunmehr 13 Jahren in Deutschland. Im Alltag spricht sie Englisch. Sie habe sich nach ihrer Identität gefragt; ob sie universell sei, sagt Gardó Castillo. Plötzlich habe es die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien gegeben. „Das war sehr emotional für mich. Plötzlich fühlte ich mich katalanisch.“ Zwar habe sie früher zu Hause nur katalanisch gesprochen, mit Freunden kommunizierte sie jedoch auf Spanisch – ohne Vorurteile oder starke Zugehörigkeitsgefühle. Im Fernsehen laufen bis heute amerikanische Serien. Trotzdem fühlte sie sich der nationalen Bewegung verbunden.

„Politik ist sehr emotional“, sagt Gardó Castillo. „Wir alle wollen uns zugehörig fühlen.“ Aber ist das überhaupt möglich? Sie begann zu recherchieren, fand einen Zugang über Folklore, die Tradition und Popkultur weiterreichen. Um das Zugehörigkeitsgefühl zu ergründen, nahm sie sogar an der katalanischen Tradition der Castells, des Bauens von Menschentürmen teil. „Jedes Mal, wenn ich nun solche Türme sehe, habe ich einen Kloß im Hals und Gänsehaut“, sagt die Tänzerin.

„Wir leben in einer Zeit, in der Räume immer weniger wichtig sind – digital können wir an mehreren Orten gleichzeitig sein“, sagt Gardó Castillo. Und trotzdem hole einen der Geist der Geschichte ein, baue Grenzen wieder auf. „Die Frage lautet: Was ist eine Nation überhaupt?“, sagt sie. Wo verortet man sich selbst? Und: Was hat das für Konsequenzen? Was bedeutet Unabhängigkeit für jeden Einzelnen? Wie kann man nach Freiheit streben, wenn man durch die Kultur, die Sozialisierung mit der Vergangenheit verbunden ist?

Ellen Kranz Reporterin / Reportage-Redaktion
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