Oldenburg Lächelnd, den Kopf geneigt und die Hände vor die Brust gefaltet, läuft Hae-Kyung Lee eilig auf die schwer atmenden, schwitzenden Tänzerinnen und Tänzer zu, bedankt sich, verbeugt sich, klatscht und strahlt. Spektakuläre Ereignisse im Probensaal des Oldenburgischen Staatstheaters? Keineswegs, nur eine gelungene Probe. Bei südkoreanischen Choreografen ist der Umgang im Ballettsaal offensichtlich von Empathie und Wertschätzung geprägt. Konzentriert, aber entspannt wären wohl die geeigneten Vokabeln, die auch viel mit dem traditionellen koreanischen Tanz zu tun haben.

Dreiteiliger Ballettabend

Der erste Ballettabend der neuen Spielzeit findet am Sonnabend, 12. Oktober, um 19.30 Uhr im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters statt.

Das dreiteilige Programm startet mit der Uraufführung „Quantum Leap“ von Ensemblemitglied Lester René. Es folgt das Auftragswerk „Pierrot Lunaire“ von Hae-Kyung Lee. Die Uraufführung „An den Ufern des Sees“ von Chefchoreograf und Ballettdirektor Antoine Jully bildet den Abschluss.

Die 45-jährige Hae-Kyung Lee gehört zu den angesehensten Choreografinnen in Südkorea und hat bereits viele Erfahrungen in Europa gesammelt. Ihre Vorbilder, erzählt sie lächelnd im Interview, von einem Landsmann als Dolmetscher übersetzt, seien Pina Bausch und William Forsythe. Sie gründete 2004 ihre eigene Company, lehrte an der Hochschule für Musik und Tanz in Frankfurt und am Konservatorium in Wien, gab Workshops über den traditionellen koreanischen Tanz für die Compagnie des Staatstheaters Darmstadt und brachte am Landestheater Linz eine Choreografie von Ballettdirektorin Mae Hong Lin zur Uraufführung.

Und nun Oldenburg. Ihre neues Werk „Pierrot Lunaire“ wird gemeinsam mit den neuen Arbeiten von Lester René („Quantum Leap“) und Antoine Jully („An den Ufern des Sees“) am 12. Oktober im Großen Haus uraufgeführt. Der Titel verrät es bereits: französisch statt koreanisch, aber nur auf den ersten Blick. Eine Inspiration war für Hae-Kyung Lee der gleichnamige Gedichtzyklus des Franzosen Albert Giraud (1860–1929), der auf der Commedia dell‘arte Figur des Pierrots basiert.

Aus dem Zyklus hat sie ein Gedicht ausgewählt – „Mondes­trunken“ – und die surreale Poesie im Hinblick auf unsere moderne Gesellschaft interpretiert. Das Stück erzählt von Einsamkeit, Wehmut und wie man sie zu betäuben versucht. Dabei spielt Hae-Kyung Lee mit Symbolen und aufregenden Bildern – etwa das von einer Tänzerin, die auf den Schultern eines Tänzers balanciert – beide eingehüllt in ein knallrotes, bauschiges Kostüm aus Gaze –, während er, auf einem roten Stock gestützt, riesenhaft über die Bühne wankt.

Das Stück ist praktisch ein koreanisches Gesamtkunstwerk. Das rote Kostüm hat einen weiten Weg hinter sich, denn es wurde in Südkorea gefertigt. Von dort stammt die Kostümbildnerin und ebenso der Lichtdesigner. Dazu erklingt Musik, die der südkoreanische Komponist Myung-Whun Choi geschrieben hat. Er ist mit Hae-Kyung Lee verheiratet und hat unter anderem Komposition in Bremen studiert. Für seine Partitur hat er europäische, aber auch traditionelle koreanische Instrumente eingesetzt wie etwa das Schlagwerk Janggu.

Fehlt nur noch die besondere koreanische Bewegungssprache, an die sich das Ensemble erst gewöhnen musste. Der Atem, vor allem das Ausatmen, spiele dabei eine wichtige Rolle, erklärt die Choreografin und nimmt zur Verdeutlichung – sie spricht nur wenige Worte Englisch – ihren ganzen Körper zu Hilfe. Dem Einatmen – Hae-Kyung Lee streckt Kopf, Rücken und Schultern in die Höhe – folge ein betontes, langes Ausatmen – sie lässt sich auf dem Stuhl zusammenfallen –, so dass sich alle Muskeln entspannen. Mit dem Ausatmen werde dem Körper Raum und Platz gegeben, fährt sie fort. Das Ziel sei eine möglichst natürliche Bewegung – auch auf der Bühne.

Und die komme der Gesundheit zugute, verrät sie noch. Anders als in Europa – hier ist die Tanzkarriere gezwungenermaßen oft früh beendet – könnten sich Tänzer in Südkorea bis ins hohe Alter uneingeschränkt bewegen.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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