Oldenburg Wir gucken in die Glotze. Wortwörtlich: Die Bühne der Exerzierhalle des Staatstheaters rahmt ein riesiger Fernseher ein. Prompt kommt, was der Titel „Dokusoap. Episode 451“ verspricht: eine nachgespielte Dokusoap. Also eine jener Dokumentar-Seifenopern, mit denen unser Privatfernsehen die Zuschauer verblödet.

Acht wunderbar engagierte, junge Schauspieler erzählen, spielen, singen im Affenzahn eine Geschichte, die wie eine Sendung aufbereitet ist - eine Folge von „Zuhause im Glück“ auf RTL 2. Das ist jene Sendung, die regelmäßig zeigt, wie Ruinen in Traumhäuser verwandelt werden, sodass sich arme Familien am Ende heulend vor verordnetem Glück in den Armen liegen.

In Oldenburg spielen die Darsteller sowohl die Fernsehleute als auch die kinderreiche, kranke und ärmliche bayerische Familie, die mit ihrer Bruchbude ins Glück befördert wird. Wir erleben, wie das Elend in acht Tagen zum Glänzen gebracht wird in extrem schnellen Schnitten, mit nachgestellten Werbepausen, reichlich Umbauten und exzessiven Lichtspielen, unermüdlichen choreografischen Ansätzen, nervöser, leicht barockiger Musik von Björn SC Deigner und täuschend echter Moderation.

Freilich erschöpft sich die Groteske und Parodie recht bald. Warum? Weil im Grunde offene Türen eingerannt werden. Glaubt wirklich jemand, diese Art von TV-Sendung sei authentisch? Heutzutage das Falsche im Privatfernsehen entlarven zu wollen, ist naiv. Und so richtig witzig ist die Oldenburger Inszenierung auch nicht. Eine Überhöhung oder Verbindung zu klassischen Tragödien oder einem Mirakelspiel, wie von der Regisseurin Luise Voigt gewünscht, wirkt zudem aufgesetzt. Dem TV-Flachsinn lässt sich kein Theatertiefsinn abgewinnen.

Eine Pause wagte man in „Dokusoap. Episode 451“ nicht zu machen. So ziehen sich die 100 Minuten hin. Einzig die Schauspieler sind zu loben, die alles hervorragend in verschiedenen Rollen umsetzen, und etwa in einer Szene die berühmten „Wolgatreidler“ von Maler Ilja Repin schweißtreibend im Bild nachstellen - eindrücklich und unvergesslich. Weil es sonst nicht so viel über das Stück zu erzählen gibt, seien die Darsteller daher namentlich aufgezählt: Rajko Geith, Lea Gerstenkorn, Fabian Kulp, Alexander Prince Osei, Johannes Schumacher, Nientje C. Schwabe, Katharina Shakina und Lukas Winterberger.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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