Oldenburg Schlafunwilligen Kindern eine Horrorgeschichte zur guten Nacht zu erzählen, ist ebenso hilfreich, wie Feuer mit Benzin zu löschen. E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, den das Oldenburgische Staatstheater jetzt in der Fassung von Fabian Kulp und Kevin Barz zur Aufführung brachte, gehört ganz sicher in diesen zwiespältigen Kanon. Die Erzählung aus dem Jahr 1816 fasziniert durch die Problematik von Wahrnehmen und Erkennen, von Selbstverlust und Identität – und quält damit seither die Schüler in der Interpretation.

Von Dämonen verfolgt

Fabian Kulp ist der von Schwermut und Verzweiflung ergriffene Nathanael; der übersensible, von Dämonen verfolgte junge Mann, der von dem Schreckgespenst aus der Vergangenheit ergriffen und niemals losgelassen wurde. Der junge Darsteller Kulp geht dorthin, wo es wehtut: Von den 60 Minuten Dauer der Aufführung deklamiert er 50. Rebecca Seidel an seiner Seite spielt Nathanaels Verlobte Clara; sie gibt ihm Luft zum Atmen und Ausruhen.

Sich in diesen Zeiten mit Abgründen zu beschäftigen, die nicht Pandemien und politische Plagen thematisieren, ist fast schon Urlaub vom Alltag zu nennen. Die spärliche Ausstattung der Bühne und die verordnete Leere in den Sitzreihen im Großen Haus ist die perfekte Ergänzung zu Kulps erlebtem Schrecken. Dessen Leistung ist so überzeugend, dass sich der Betrachter nicht sicher sein kann, ob der Schauspieler nicht bleibende Schäden davonträgt.

Heftigst beklatscht

„Der Sandmann“ aus den „Nachtstücken“ hat schon den Psychoanalytiker Freud ins Grübeln und den Musiker Offenbach ans Komponieren gebracht. Wer oder was ist der Wetterglashändler Coppelius? Die Auflösung dieser Frage überlässt das Staatstheater den Zuschauern, die Fabian Kulp heftigst beklatschten und hochleben ließen.

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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