Oldenburg Was die Weltgeschichte angeht, so folgt sie meistens demselben Schema. Einer dreht am großen Rad, und die anderen lassen sich in seinem Rhythmus mitdrehen. Also kurbelt auch Brundibar unaufhaltsam an seiner Drehorgel. Und auf dem Marktplatz tanzen viele nach seinem Lied. Brundibar ist ein böser Mann, zum Glück aber eine Märchenfigur. Am Ende wird er fortgejagt. Das passt. Was lehrt es?

„Brundibar“ ist eine von Kindern gespielte und gesungene Oper mit einer sehr frischen Musik von Hans Krasa von 1938, die an Kurt Weill denken lässt. Im Ghetto Theresienstadt wurde sie 1943 55 Mal von internierten Kindern gespielt. Fast vier Monate haben Klanghelden Kinder- und Jugendchor des Staatstheaters, Dirigent Thomas Honickel, elf Musikerinnen und Musiker des Staatsorchesters, Regisseur Jens Kerbel sowie Dramaturgin Christina Schmidl diese Vergangenheit in einem intensiven Projekt aufgearbeitet. Theresienstadt war der Wartesaal zur Hölle Auschwitz. Komponist Krasa und alle Brundibar-Kinder bis auf eine Sängerin wurden dort umgebracht.

Nie mehr lässt sich „Brundibar“ als naive Märchenoper aufführen. Deshalb stellt in der ausverkauften Exerzierhalle die Regie ebenso einfühlsam wie aufrüttelnd einen Liederzyklus voran: Ein 2012 verfasstes „Theresienstädter Tagebuch“, Musik von Wilfried Hiller, Texte von Alexander Janssen nach Dokumenten von Kindern im Konzentrationslager.

Die gesungene und gesprochene Konversation dreht sich nach dieser historischen Katastrophe darum, was junge Leute sich heute für ihr Leben erwarten. Es könnten sich wieder Zeiten des Mauerbaus auftun. Mit Mauern gegen Erkenntnisse der Geschichte, gegen Weltoffenheit, gegen Hilfe für einen bedrohten Planeten. Doch die junge Gesellschaft setzt auf Zusammenhalt aller Denkenden und Mutigen: „Ihr müsst auf Freundschaft bauen, den Weg gemeinsam gehen, auf eure Kraft vertrauen, fest beieinander stehen!“ Das ist, auch pädagogisch zwingend herausgearbeitet, der Übergang vom Prolog in das Märchen. Das Märchenstück wird hier nicht unter der belastenden Geschichte verschüttet, das ist ein Kunststück. Es lässt einen Anflug von jenem für uns pervers scheinenden Glück spüren, das sich in diesen Momenten über die Kinder von Theresienstadt legte.

Die Inszenierung schlägt eine Brücke zum Heute. Auf dem Marktplatz genießen die Leute den Konsum, denn „für Geld ist alles zu bekommen.“ Doch Aninka (Madita Wilkens) und ihr Bruder Pepicek (Lara Hübner) haben keins. Sie können keine Milch für ihre kranke Mutter kaufen. Die Münzen kassiert Straßenmusikant Brundibar (Paul Brady), der andeutet, welche politische Missgestalt damals mit dieser Figur verbunden wurde: Er sieht sich als „den Grrrößten“. Doch die Geschwister bauen mithilfe von Spatz (Jakob Dietz), Katze (Jette Lüttmann) und Hund (Constantin Firmbach) eine eigene Gesangsgruppe auf und nehmen Geld ein. Als Brundibar versucht, ihren Beutel zu stehlen, wird er davongejagt.

14 persönliche Rollen umfassen die miteinander verbundenen Teile. Fast alle sind für die weiteren einstündigen Aufführungen mehrfach besetzt. Musikalisch und darstellerisch packen alle Akteure beherzt zu, aber es gelingen viele feine Untertöne inmitten des lebhaften Bühnengeschehens. Zu Recht werden junge Sängerinnen und Sänger und erfahrene Instrumentalisten ausgiebig gefeiert.

„Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ hieß ein Nazi-Film mit „Brundibar“-Szenen, in dem die Welt infam getäuscht wurde. Auch im Propagandafilm brandet nach dem hymnischen Schlusschor begeisterter Beifall auf. Aber der war von einer ganz anderen Art.


     www.staatstheater.de 
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