Kater vorne – Dalinghaus raus
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Kater vorne – Dalinghaus raus

Oldenburg Neurowissenschaftler wissen es seit Langem: Freude ist ein wichtiges Düngemittel fürs Gehirn. Die Besucher der niederdeutschen Premiere von „Honnig in’n Kopp“ am Sonntagabend im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters haben sich eine große Portion Freude gegönnt. Nach rund zwei Stunden gab es begeisterten Applaus und stehende Ovationen – und das völlig zu Recht. Ayla Yeginer ist mit der Inszenierung für die August-Hinrichs-Bühne ein großer Wurf gelungen.

Der Kinofilm „Honig im Kopf“ von Til Schweiger und Hilly Martinek mit Dieter Hallervorden in der Hauptrolle war ein Kassenschlager. Yeginers Inszenierung der niederdeutschen Bühnenfassung (mit hochdeutschen Sprachanteilen) von Frank Grupe ist keine reine Filmnacherzählung, sondern eine ideenreiche Regiearbeit, die von großem Einfühlungsvermögen zeugt. Dazu passt das Bühnenbild (Telse Hand), das aus einigen verschieden großen Quadern besteht, die nach dem Tetris-Prinzip hin- und hergeschoben werden und für Interpretationen viel Spielraum lassen.

„Honnig in’n Kopp“ behandelt das schwierige Thema Demenz. Betroffene und ihre Angehörigen sprechen nicht gern drüber, verdrängen das Problem, so lange wie es geht. Das ist bei Familie Rosenbach nicht anders. Sympathisch setzt Yeginer die Aussetzer des an Alzheimer erkrankten Amandus Rosenbach in Szene. Zu keiner Zeit wird der Senior, der einmal voll im Leben stand, der Lächerlichkeit preisgegeben. Dieterfritz Arning verkörpert diese Rolle großartig, ergreifend seine verzweifelte, stammelnde Suche nach den richtigen Worten. Ihm ganz und gar ebenbürtig ist Leonie Grote als Tilda. Unbekümmert und selbstbewusst verkörpert sie die 13-jährige Enkelin, die wie ihr Opa auf sich allein gestellt und furchtbar einsam ist. Anrührend schön gelingt ihnen das Zusammenspiel.

Demenz gleicht einem Bücherregal, in dem einige Bücher mit den kognitiven Fähigkeiten umgefallen sind. Manche lassen sich von Zeit zu Zeit wieder aufrichten. Aber heilbar ist die Krankheit nicht, irgendwann sind alle Bücher umgefallen.

Bei Amandus ist die Krankheit schon weit fortgeschritten. Er zieht zu seinem Sohn Nico (Sven Gerstmann) und dessen Frau Sarah (Nadine Woinke). Die beiden sind jedoch zu sehr mit sich selbst, ihren Karrieren und Krisen beschäftigt und mit der Situation schnell überfordert. Und als das seit Langem geplante Sommerfest in einem einzigen Schlamassel endet, zieht Nico die Notbremse: Amandus soll ins Heim mit dem sinnigen Namen „Seniorenresidenz Vergissmeinnicht“.

Das will Tilda verhindern. Sie nimmt mit ihrem Opa Reißaus nach Venedig. Das ist Amandus’ Sehnsuchtsort aus den guten Zeiten mit seiner geliebten Frau Margarethe. Immer und immer wieder erzählt er seiner „geliebten Principessa“ (Prinzessin) von der gemeinsamen Zeit in der Stadt der Liebe. Die „Principessa“ hilft im Gegenzug beim Zähneputzen und Anziehen.

Bei der abenteuerlichen Zugfahrt nach Venedig, beim Zwangsaufenthalt in Südtirol, bei der Fahrt in einem Viehtransporter voller Schafe und im Touristentrubel läuft das Ensemble zu großer Form auf. Mit viel Schwung agieren Sina Ewert, Melanie Lampe, Lena Pflug, Andrea Spiekermann, Klaus Pflug, Tammo Poppinga und Holger Schulz gleich in mehreren Rollen. Und Hildburg Schreyer überzeugt als Sarahs Mutter Vivien, die in ihrer Einsamkeit Trost im Calvados sucht.

Tildas Flucht mit ihrem Großvater bringt Nico und Sarah zur Besinnung, dass es im Leben noch etwas Wichtigeres gibt als Arbeit und Karriere. Es gibt also ein Happy End. Andererseits ist es ein trauriges Ende, das aber so schön ist wie die ganze Inszenierung. Großes Theater im Kleinen Haus: unbedingt angucken!


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Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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