Oldenburg Das Hellsehen mag als Zukunftsbranche im Zwielicht stehen. Doch im Falle der Perspektiven für das Staatstheater 2020 lassen sich beste Kursentwicklungen hochrechnen. Wer eines der drei Neujahrskonzerte im Großen Haus erlebt hat, nimmt zumindest eine schöne Illusion mit: Gemessen an diesem Anfang mit Schwung, Witz, Gefühl und sogar ein bisschen Hintergrund muss das Rest-Jahr ein richtig flottes werden.

Zugegeben, 17 geplante Musiknummern und zwei nicht spontane Zugaben in zwei Stunden sind reine Häppchenkultur. Doch wie diese Canapés vom Staatsorchester und vier Gesangssolisten aufgetischt werden, hat Stil. Das von Generalintendant Christian Firmbach moderierte gemischte Programm aus Oper, Konzert, Operette und Musical hinterlässt keinesfalls gemischte Gefühle, sondern einfach gute.

Spürbar steckt in der Auswahl die Liebe zum Detail. Natürlich geht es nicht ohne die „Fledermaus“ von Johann Strauss, die „Schlittenfahrt“ von Leroy Anderson oder den Ballsirenen-Walzer von Franz Lehar. Doch von Dmitri Schostakowitsch wird aus der ersten Jazzsuite nicht der oft gegenwärtige Walzer Nummer 2 zelebriert, sondern der meist versteckte Lyrische Walzer.

Von solcher Sorte gibt es mehr: den Galopp aus Jaques Offenbachs „Geneviève de Brabant“ statt des Orpheus-Cancans, den Danse de Phryné“ aus Charles Gounods „Faust“ statt des Walzers, oder als wahre Rarität Ludwig van Beethovens Klavierstück „Die Wut über den verlorenen Groschen“ in einer Orchesterfassung von Erwin Schulhoff.

Martyna Cymerman (Sopran), Nian Wang (Mezzosopran), Jason Kim (Tenor) und Leonardo Lee (Bariton) glänzen einzeln, in Duetten oder im Quartett. Lee entfacht Beifallsstürme als Tartaglia, der sich in Pietro Mascagnis „Le maschere“ sprachliche Hindernisse auftürmt und dann wegräumt. Wangs Koloraturen sind im „Dunqu’io son“ aus Gioacchino Rossinis „Barbier“ so halsbrecherisch in allen Spitzkehren wie faszinierend im Timbre; da darf sie in Antonio Vivaldis Rachearie „Armatae face“ aus „Juditha triumphans“ eher auf Makellosigkeit als auf Furor setzen.

Kapellmeister Vito Cristofaro setzt mit dem Staatsorchester bei aller rhythmischen Schärfung und koloristischen Subito-Wechseln auf die Freude daran, aus Kleinteiligem heraus große Musik zu zaubern, Vorder- und Hintergründiges auszutarieren. Kaum einmal ist zu spüren, dass beim raschen Stricken dieses kleinteiligen und knallbunten Patchwork-Tuches zwischen den großen Blöcken des Spielplans auch mal die Nadeln heiß gelaufen sein könnten.

Wie schön, das Jahr so mit Zuversicht zu beginnen. Da fühlt sich die Gegenwart für eine Weile glatt leichter an.

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