Oldenburg Das Zuhören ist für Dieter Ilg nicht nur Voraussetzung menschlicher Kommunikation, es ist auch Quelle und Inspiration seines langjährigen, überaus erfolgreichen Lebenswegs als professioneller Musiker. „Natürlich kann ich immer auf Kenntnisse und Routinen zurückgreifen. Aber durch den Dialog erfahre ich etwas über meinen eigenen Zustand und über den meines Partners.“

Gerade bei solch einem Projekt wie der aktuellen „Nightfall“-Tournee mit Till Brönner werde es beim zehnten Auftritt nicht so klingen wie beim ersten Mal. Die Fortsetzung der Tour nach der Sommerpause am 13. November in der Oldenburger Kulturetage ist aber ausverkauft.

Der Mensch-Bass

Die Elektro-Pioniere von Kraftwerk kündeten einst von der „Mensch-Maschine“ – in diesem Wortsinn ist Dieter Ilg der „Mensch-Bass“. Mit seinem Kontrabass hat der 57-jährige Südbadener die Welt bereist, doch seine Wurzeln hat er nicht vergessen. Überhaupt spielen Lehrer und Mentoren für Ilg eine zentrale Rolle. Nach der Ausbildung an der Musikschule in seiner Heimatstadt Offenburg sowie dem Studium im Fach Klassischer Kontrabass bei Prof. Wolfgang Stert in Freiburg wagte er – wie so viele – den Sprung über den Teich.

In New York ließ er sich auf einen der intensivsten Musiker ein, den umtriebigen Dave Liebman. Der weltbekannte Saxophonist und Spielgefährte von Miles Davis Anfang der Siebziger war die allerbeste Schule. Wer mit Liebman spielt, landet automatisch im überdimensionalen Netzwerk der NYC-Jazzconnection. „Dass ich Ende der 1980er Jahre von Randy Brecker als Ron Carters Nachfolger verpflichtet wurde, war für mich ein Ritterschlag. Es war ein wahnsinniger Schub.“

Von da an standen Dieter Ilg alle Türen offen. Er wurde regelmäßig für ausgewählte WDR-Bigband-Projekte engagiert und wirkte zum Beispiel an der erfolgreichen ACT-Produktion „Jazzpaña“ um Michael Brecker und Al Di Meola mit. Später war er im Quartett mit Peter Erskine, Kenny Wheeler und John Taylor sowie im berühmten Mangelsdorff-Dauner Quintett engagiert.

Für Furore sorgte Ilg als Bandleader von Ilg/Schröder/Haffner, und wurde so selbst zum Vorbild für die folgende Generation. „Man besteigt damit eine weitere Stufe, wenn man selbst ein Projekt verantwortet. Es ist eine enorme Herausforderung, weil nicht nur das musikalische Zusammenwirken, sondern auch die persönliche Chemie stimmen muss.“ Aus dieser neuen Erfahrung heraus entstanden die Produktionen mit Marc Copland und Bill Stewart (American Songbook) sowie Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles (European Songbook). Und so wurde aus dem beliebten „Sideman“ der Musikforscher und Grenzgänger.

Mit seiner „Working Band“ – Rainer Böhm & Patrice Héral – kümmert er sich um Bearbeitungen klassischer Werke europäischer Musikgeschichte. Nach Giuseppe Verdis „Otello“ und Richard Wagners „Parsifal“ veröffentlichte Ilg im Jahr 2015 Variationen zu Themen von Ludwig van Beethoven, wiederum beim renommierten Label ACT. Ende September 2017 erschien in dieser bemerkenswerten Reihe das vorerst letzte Werk zu Johann Sebastian Bach.

Offenes Verhältnis

Zu den Konstanten in Dieter Ilgs musikalischem und privatem Leben zählen die Seelenbeziehungen. Nach der langjährigen Duopartnerschaft mit dem Saxofonisten Charlie Mariano, der im Jahr 2009 starb, existiert eine solche Liaison mit Deutschlands populärstem Jazztrompeter Till Brönner. „Wir kennen uns inzwischen seit über 20 Jahren und haben in vielen Projekten zusammengearbeitet. In dieser Zeit ist ein sehr offenes Verhältnis entstanden. Es gab in der gemeinsamen Arbeit nie Berührungsängste.“

Was Till Brönner und Dieter Ilg verbindet und ihnen trotzdem genügend Freiraum zur Entfaltung lässt, ist auf dem im Januar 2018 erschienenen, ersten gemeinsamen Album „Nightfall“ zu hören – und in der Kulturetage; vorausgesetzt, man konnte sich frühzeitig eine Eintrittskarte für das nunmehr ausverkaufte Konzert sichern.

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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