Oldenburg Ein Raum im dritten Stock der Musikschule in Oldenburg. Blockflötistin Annette John steht neben ihrer Schülerin Charlotte Kohne. Beide haben eine Altblockflöte an den Lippen, blicken auf ihre Notenblätter, die sie vor sich platziert haben. Charlotte übt gerade die Fantasie Nr. 8 des Barockkomponisten Georg Philipp Telemann. Überall zwischen den Zeilen sind mit Bleistift kurze Notizen vermerkt worden. Hinweise zu Dynamik und Artikulation, wie Annette John erklärt. „Ein Stück ist vergleichbar mit einer Märchenerzählung. Es lässt viele Freiheiten zu Interpretationen zu. Manchmal möchte man Spannung aufbauen, manchmal Kunstpausen einlegen.“ Das alles bespricht sie mit ihrer Schülerin.

Besonderer Klang

„Ich war fünf Jahre alt, als ich angefangen habe, Flöte zu spielen“, sagt Charlotte Kohne, mittlerweile stolze 17. Ihre Eltern schenkten ihr das Holzblasinstrument. Natürlich werde die Blockflöte oft belächelt, viele Menschen würden mit ihr Musikstunden in der Grundschule verbinden. „Dort hört sie sich meistens auch quietschig an“, sagt sie. Doch auf diesem Niveau würden andere Instrumente auch nicht schön klingen. „Mir macht das Flötespielen Spaß. Es ist vertraut, und ich mag den Klang“, sagt die Oldenburgerin, die die 12. Klasse des Alten Gymnasiums Oldenburg besucht. Nebenbei spielt Charlotte Gitarre – das Horn hat sie aus Zeitgründen wieder aufgegeben. Die Begeisterung für die Musik ist ihr sprichwörtlich in die Wiege gelegt worden: Charlottes Mutter ist Pianistin.

Naturgemäß schwärmt auch ihre Lehrerin, die Blockflötistin Annette John, für das Instrument. „Ich selbst habe mit sechs Jahren angefangen, Blockflöte zu spielen“, sagt die Bremerin Annette John, 49 Jahre. Es war der Klang, der sie überzeugte. „Die Blockflöte war immer mein Lieblingsinstrument. Ich bin mit Begeisterung dabei geblieben und ein Fan der Barockmusik.“ Doch auch die moderne, neue Musik ist ihr wichtig. „Nach dem Zweiten Weltkrieg haben zeitgenössische Komponisten viele neue Spieltechniken erfunden.“ Mehrfach arbeitete Annette John auch mit ihnen zusammen, brachte Stücke zur Uraufführung.

„Das besondere ist das ganzkörperliche Spielen“, erklärt die Flötistin. „Man spürt den Atem überall.“ Außerdem sei die Flöte – ähnlich wie der Gesang – sehr direkt. „Man bemerkt kleinste Veränderungen sofort am Klang. Dadurch ist es sehr viel besser möglich, Emotionen auszudrücken“, sagt Annette John.

„Die Blockflöte ist gemeinsam mit dem Gesang und der Trommel das älteste Instrument der Menschheit“, sagt Annette John. Ob im antiken Theater, Mittelalter, in der Renaissance oder der Barockzeit: Die Blockflöte war ein gleichwertiges Instrument neben allen anderen. Dies änderte sich jedoch in der Klassik, als die Querflöte die Blockflöte verdrängte und Einzug ins Orchester hielt.

Erst in den 1920er Jahren tauchte die Blockflöte mit der Jugendmusikbewegung wieder auf, wurde nun aber als Kinderinstrument eingestuft. „Dieses Image hängt ihr leider bis heute noch an“, sagt Annette John. Wurde das Instrument vormals von Hand gebaut, geschah die Fertigung nun maschinell.

Doch warum haftet dieser Ruf an ihr? „Die Sopranblockflöte bietet tatsächlich viele Vorteile“, sagt Annette John. Als Anfängerinstrument ist sie im Vergleich zum Klavier oder eine Geige sehr viel preiswerter. „Viele Kinder freuen sich, weil sie schnell Fortschritte machen und schon nach kurzer Zeit Weihnachts- lieder spielen können. An und für sich ist die Blockflöte ein wunderbares Anfängerinstrument.“ Doch an den Schulen würde es meist ausschließlich im großen Klassenverband erlernt werden. „Dann sind Korrek-turen – wie bei allen anderen Instrumenten – schlecht möglich. Das Resultat ist kein Genuss – für niemanden“, sagt Annette John. Sie rät zu Singklassen, die ebenfalls einen guten Einstieg in die Musik bieten.

Korrekturen wichtig

Eine Ausnahme, wie praktischer Unterricht auch an Schulen funktioniert, sind sogenannte Bläserklassen – beispielsweise mit Trompeten oder Saxofonen, wie es sie mittlerweile an vielen Schulen im Nordwesten gibt. Hier erhalten die Schüler zusätzlich Unterricht in Kleingruppen und können so besser korrigiert werden.

Und auch Charlotte probt nicht nur einmal pro Woche in der Musikschule. „Ich übe mindestens zwei Mal wöchentlich“, sagt sie. Auch sie koste es manchmal Überwindung. „Aber wenn man sich hinsetzt, ist es immer wieder schön.“ Die meisten Stücke habe sie recht schnell spielen können, aber erst jetzt lerne sie, die Melodien mit mehr Technik noch einmal neu zu interpretieren. Dabei kämen die meisten Einfälle von ganz allein beim Spielen. „Ich versuche, so gut wie möglich zu werden“, versichert sie. Immerhin: Mit einem gemischten Ensemble der Musikschule hat die 17-jährige Gymnasiastin sich in diesem Jahr im Bereich der Alten Musik sogar für den Bundeswettbewerb von „Jugend musiziert“ qualifiziert.

Gibt es ein Lieblingsstück? „Die Fantasie Nr. 8, die ich gerade übe, gefällt mir“, sagt Charlotte. „Ich bin nicht so ein Fan moderner Stücke. Ich finde es spannend, was man da machen kann, aber klanglich ist das nicht so schön.“ Und schließlich ist es genau das, was zählt: der Klang ihrer Altblockflöte.

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