Oldenburg Das Motiv dieser Bleistiftzeichnung ist den Oldenburgern wohlvertraut: Sie zeigt das von Paul Bonatz entworfene und bis heute nahezu unverändert erhaltene ehemalige Landtagsgebäude an der Oldenburger Tappenbeckstraße. Die Geschichte, die sich hinter diesem Blatt versteckt, ist aber erst vor Kurzem zum Vorschein gekommen; denn bislang war der Zeichner beziehungsweise die Zeichnerin dieser Ansicht unbekannt.

Mit der Skizze des Oldenburger Landtagsgebäudes besitzt das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg eines der wenigen bislang bekannten Werke Tony Simon-Wolfskehls. Der Entstehungszusammenhang des Kunstwerks des Monats Februar erschloss sich erst im Rahmen des Forschungsprojekts „Das Bauhaus in Oldenburg – Avantgarde in der Provinz“ und der Vorbereitung des großen Bauhausjubiläums 2019. Im Rahmen dieses Projekts sollten nicht nur die Lebenswerke von vier jungen Bauhäuslern dokumentiert werden, die aus Oldenburg und Ostfriesland stammen, sondern möglichst alle historischen Verbindungen zwischen Walter Müller-Wulckow, Gründungsdirektor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, dem Landesmuseum Oldenburg und dem Bauhaus: Müller-Wulckow hatte nicht nur die Oldenburger Künstler Hermann Gautel und Karl Schwoon an das Bauhaus vermittelt, sondern vor seinem Dienstbeginn in Oldenburg den Frankfurter Künstlerinnen Amy Bernoully und Tony Simon-Wolfskehl das Studium am Staatlichen Bauhaus Weimar empfohlen.

In dem nun erstmals gesichteten Briefwechsel Müller-Wulckows mit Simon-Wolfskehl steckte nicht nur die unerwartete Antwort auf die Frage nach der Urheberschaft der Zeichnung, sondern zugleich eine ebenso faszinierende wie tragische Lebensgeschichte.

Tony Simon-Wolfskehl, 1893 in Mainz geboren, hatte von 1912 bis 1917 an der Technischen Hochschule Darmstadt Architektur studiert. Erst vier Jahre zuvor waren in Hessen – wie auch in Preußen – erstmals Frauen regulär zum Studium zugelassen worden. Simon-Wolfskehl gehörte zu den Pionierinnen des „Frauenstudiums“, nicht nur in ihrem Fach. 1918 war die junge Architektin nach Oldenburg gereist und hatte das neu errichtete Landtagsgebäude gezeichnet.

An Müller-Wulckow sandte sie die Ansicht nach Frankfurt: „Lieber Herr Doktor, anbei schick ich Ihnen die flüchtige Skizze von dem Oldenburger Landtagsgebäude. Leider gibt es davon noch keine Postkarten. Aber mir gefiel der Bau so gut, und ich möchte gerne einmal wissen, was Sie dazu sagen. (…) Hier gefällt es mir ganz gegen meine Erwartungen sehr gut. Oldenburg ist lieb wie ein kleines Kind, dem man gut sein muss. Unausgewachsen, aber gut in seinen Anlagen!“

Obwohl Simon-Wolfskehl ihr Studium in Darmstadt bereits abgeschlossen hatte, ging sie im Sommer 1919 nach Weimar, um ihre Studien am gerade eröffneten Staatlichen Bauhaus fortzusetzen. Im folgenden Jahr wurde sie in die Architekturabteilung des Bauhauses aufgenommen und arbeitete schließlich im Baubüro von Walter Gropius.

Seit 1921 arbeitete Tony Simon-Wolfskehl in Weimar und Frankfurt als Bühnenbildnerin, 1924 heiratete sie den Grafiker Roderich Lasnitzki und zog später mit ihm nach Berlin. Unter dem Firmennamen „Tolas“ arbeiteten sie hier gemeinsam an Möbelentwürfen. Da beide jüdischer Herkunft waren, emigrierten Tony Lasnitzki und ihr Mann 1936 ins belgische Gent. Nach der deutschen Besetzung wurde ihr Mann verhaftet, interniert und 1942 in Auschwitz ermordet. Tony überlebte, da sie sich über mehr als zwei Jahre bei einer alleinstehenden Dame in Gent verstecken konnte. Nach der Befreiung Belgiens lebte sie weiter mit ihrer Retterin, bis zu deren Tod, zusammen.

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