Oldenburg „Dann entstanden aus den Aquarellen, die ich auf den Lofoten machte, Bilder, die Lofoten-Bilder. Die großen dynamischen Schwünge der Landschaft, ihre elementare Kraft brachten zum ersten Mal das Thema meiner Kunst hervor, die Dynamik und das Elementare“ – so Ernst Wilhelm Nay (1902–1968) über seine Reisen in die norwegischen Lofoten. Das farbstarke Aquarell „Frau im Sund (Lofoten)“ entstand 1937 auf dieser Reise, die den künstlerischen Durchbruch des Malers markiert. Seine Werke sind integraler Bestandteil der bundesrepublikanischen Kunst nach 1945 geworden.

1928 beendet Nay sein Studium als Meisterschüler von Karl Hofer. Eine erste Studienreise führt den 26-jährigen, der sich für das farbstarke Werk von Cézanne und Matisse begeistert, nach Paris. Die Fahrt in die Kunstmetropole entpuppt sich jedoch als Enttäuschung. 1930 vermittelt ihm der Lübecker Museumsdirektor Carl Georg Heise ein Reisestipendium für die dänische Insel Bornholm. Hier gelingt dem Künstler ein Bruch mit der Akademiemalerei. Ein Jahr später erhält Nay ein Stipendium der Villa Massimo in Rom. Die Reise bedeutet eine zeitweise Hinwendung zum Surrealismus.

Obwohl Nay bis 1933 bereits Anerkennung als Künstler der jungen Generation erlangt hatte, bleibt er ein Suchender. Mit Beginn des Nationalsozialismus wird Nays Kunst indes als „entartet“ gebrandmarkt und schon 1933 im Völkischen Beobachter öffentlich verhöhnt. Ablenkung von der politischen Situation und der eigenen Schaffenskrise boten von 1934 bis 1936 Aufenthalte an der Ostseeküste. In den dort entstandenen Arbeiten zeigen sich erste Impulse für die Entwicklung eines eigenständigen Werks.

Dank der Vermittlung des Kunsthistorikers Carl Georg Heise erhält Nay ein Reisestipendium, das von Edvard Munch finanziert wird. Die Reise nach Norwegen bedeutete für Nay auch ein Exil vor nationalsozialistischer Gängelung. Zunächst begibt er sich nach Oslo, wo er auch den Wohnsitz Edvard Munchs in Skøyen aufsucht. Dann geht es von Oslo weiter Richtung Norden.

Die Unterkünfte in den Lofoten sind denkbar rustikal. Nay erinnert sich: „Bei Sturm klirrte das Haus in Ketten, es war angekettet an Felsen!“ Ein Ort von eremitischer Einsamkeit ist es indes nur bedingt, Nay wird schnell zu geselligen Abenden im Dorf eingeladen. An Alfred Hentzen schreibt er am 13. August 1937 aus den Lofoten: „Ich hatte scharfe Arbeitswochen, so wie ich es liebe – ein lebhaftes, hochgespanntes Leben, das im Gleichklang mit der Kunst steht. (…) Es ist dort die für mich großartigste Natur – weil die riesigen Wellen des Eismeeres einen allzu grandiosen Takt schlagen und der Rhythmus des Seins im Fortissimo schwingt.“

Mit dem Kristallinen des Eismeers und der rauen bergigen Landschaft vor Augen, erfährt der Maler seinen künstlerischen Durchbruch. Es entsteht eine Serie, die den Weg in die farbstarke Abstraktion und in ein höchst eigenständiges Werk frei macht, auch wenn Nay die Gegenständlichkeit hier noch nicht aufgegeben hat. Dank einer Verkaufsausstellung in Oslo im Winter 1937/38, kann er im Sommer 1938 eine zweite Reise in die Lofoten unternehmen. Der Reiz der kontrastreichen Landschaft, der bizarren Formen und des Lichts, setzt eine für das gesamte weitere Werk wegweisende Formen- und Bildsprache frei.

Das Nachkriegswerk entzieht sich einer eindeutigen stilistischen Zuordnung: Die einen begreifen ihn als Vertreter des Tachismus, andere sehen in ihm einen Maler der lyrischen Abstraktion und Vorbereiter des Informel. Es entstehen Gemälde-Zyklen, mit denen sich Nay einen festen Platz im Kanon der Kunstgeschichte erobert, darunter die Hekate-, die fugalen und die rhythmischen Bilder sowie die berühmten Scheiben- oder die spät entstandenen Augenbilder.

Eine Auswahl seiner grafischen Arbeiten ist noch bis zum 28. Juli im Landesmuseum Oldenburg zu sehen.

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