Oldenburg Violeta Dinescu lässt einfach mal einen Drachen steigen. Hoch schraubt er sich auf den Schwingen des Windes, wippt hin und her, tupft die Nase hoch und runter. Er schwebt stolz, genießt die Draufsicht. Ja, er muss glücklich dabei sein, denn er jubelt sogar dezent.

Das muss näher erklärt werden. Dinescu (66) ist schließlich eine renommierte Komponistin. Seit 1996 lehrt die gebürtige Rumänin Angewandte Komposition an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg. Sie weist eine beachtliche Diskothek ihrer Werke vor, etliche mit Preisen bedacht. Folglich ist der Drache auch kein griffiger Luftsegler. Es steht vielmehr für eine Violoncello-Melodie, die sich aller Erdenschwere entwindet. Damit steigt Dinescu in ihre neue CD „Suites & Roses“ ein.

Eigene Werke verbindet sie hier mit Johann Sebastian Bachs ersten beiden Cello-Solosuiten C-Dur BWV 1007 und d-Moll BWV 1008 von 1735. „Sieben Rosen“ hat Dinescu 2014/18 komponiert, die „Kleine Suite“ 2018; „Abendandacht“ von 1985 hat sie im vorigen Jahr überarbeitet. Es sind Reaktionen auf Bach mit Selbstvertrauen und einem Schüsschen Ehrfurcht.

Ihre Drachen und Gedanken fliegen weit hinaus zum Horizont. Immer mag es Kräfte geben, die sie zu Boden zwingen möchten. Doch Violeta Dinescu belastet ihre Musik selten mit vielgriffigen Akkorden. Sie gibt ihr die Kraft zum Fliegen, lässt sie in höchster Anspannung virtuos durchdrehen. Aber sie gestattet ihr auch kontemplative Phasen wie im intensiven „Tranquillo“ der Kleinen Suite. Es ist ein rüttelndes Spiel zwischen Anspannung und Entspannung.

Grandios vermittelt die Cellistin Katharina Deserno zwischen Zeiten, Strukturen und Geisteshaltungen. Auf einem Instrument von Carlo Antonio Testore von 1712 bringt sie mit einer hellen und klaren Tongebung die Musik zum Glitzern; selbst, wenn sie in Melancholie oder Beklemmung hineinsteigen muss, bleibt ein Funkeln.

Von Hetzjagden durch Bachs Préludes, Couranten Giguen hält die Schülerin von Maria Klingel und derzeit Professorin in Frankfurt nichts. Sie lässt die Töne sich auch in den Zweiunddreißigstel-Hetzjagden runden. Die Musik ruht sich nie aus, aber sie ruht in sich.

Diese anregende Gelassenheit Desernos korrespondiert mit den Vorschriften und Freiheiten, die Dinescu ihren Interpreten macht und lässt. Sie lebt wie immer bei ihr von kreativen Erweiterungen. Auf Deserno wirkt diese Herausforderung beflügelnd. Es passt, dass sie einige Male Vokale mitsingen muss. Und am Ende, summt sie da nicht auch in der „Abendandacht“ mit? Zu hören ist es nicht – aber es könnte ja gut sein, ganz leise.

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