Oldenburg /Jever /Brake Der erfolgreichste Schriftsteller des Oldenburger Landes war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Georg von der Vring. Er schrieb den ersten Anti-Kriegsroman („Soldat Suhren“), der 1927 veröffentlicht wurde, noch vor „Im Westen nichts Neues“ von Erich-Maria Remarque – und wie Remarques Werk ein internationaler Bucherfolg.

Aus dem linksliberalen Schriftsteller der 20er Jahre ist ein nationalpatriotischer Fürsprecher und dann Apologet der nationalsozialistischen Ideologie geworden, so die steile These des Germanisten und Historikers Dr. Georg Wagner-Kyora, der auf Einladung der Oldenburgischen Bibliotheksgesellschaft in der Landesbibliothek einen Vortrag über den Schriftsteller Georg von der Vring hielt.

Wagner-Kyora, als Lehrer am Mariengymnasium Jever tätig (dem Gymnasium, an dem von der Vring selbst von 1919 bis 1928 unterrichtet hat), leitet seine These aus der Analyse des Soldatenbildes ab, das von der Vring in seinen Werken beschrieben hat, und das sich in den Zeitläufen im Sinne einer autoritären Ideologie zugespitzt habe.

Von der Vrings Bild des Soldaten sei das eines Kameraden der tapferen Pflichterfüllung, ein Tugendhafter. Der wird in späteren Veröffentlichungen zum Objekt der nationalpatriotischen und vor allem emotionalen Vereinnahmung, führte Wagner-Kyora aus und nannte Beispiele aus von der Vrings erzählerischen Werk und dem lyrischen Werk nach 1933.

Tiefpunkt sei die Verherrlichung des Frankreichfeldzugs durch Gedichte, in denen der „Sturmschritt der Armee“ beschrieben, mit denen die Wehrmacht Frankreich besetzt hatte (von der Vring war anfangs des 2. Weltkriegs Propaganda-Offizier), „niemals die Erde stärker bebt“, wenn die Infanterie ausschwärme, dichtete der dekorierte Weltkrieg-I-Offizier von der Vring.

Das blieb bei den Zuhörern nicht ohne Widerspruch. Henner Funk, Vorsitzender der Georg-von-der-Vring-Gesellschaft (Brake) wies auf den Anti-Kriegsroman „Soldat Suhren“ hin, der in der Nazi-Zeit verboten gewesen sei. Wagner-Kyora vermisst dazu den Nachweis. Von der Vrings politische Einstellung habe sich im Laufe der Zeit gewandelt, und der Autor habe es auch nicht selbst bemerkt. Tatsächlich habe von der Vring seinen schriftlichen Nachlass bereinigt, in einer Art Selbstzensur. Möglicherweise stehe auch sein Suizid 1968 damit in Zusammenhang.

Das Verhalten von der Vrings während des Nationalsozialismus’ kann man so interpretieren, wie Wagner-Kyora es nahelegt. Man braucht es aber nicht. Vor allem Vermutungen über Motive des Suizids helfen nicht. Zu einer Gesamtwürdigung des knorrigen Autors zählt sicher mehr als eine Literaturanalyse. Gleichwohl zeigt die kontroverse Diskussion in der Landesbibliothek, dass der Referent eine längst fällige Debatte um die Neubestimmung von der Vrings angestoßen hat. Und das ist ja nicht wenig.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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