Oldenburg Es ist ja nicht so, dass sich Paul Schrader in seinen bisherigen Filmen nicht auch mit Glaubensfragen beschäftig hätte. Auf die eine oder andere Weise sind alle Protagonisten in den Filmen des streng calvinistisch erzogenen Regisseurs auf der Suche nach Erlösung. Angefangen natürlich mit dem von Robert De Niro gespielten Travis Bickle – „Gottes einsamstem Mann“ – in Martin Scorseses „Taxi Driver“, zu dem Schrader das Drehbuch schrieb.

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Doch erst jetzt, in seinem 23. Film als Regisseur, hat der heute 72-Jährige zum ersten Mal einen Mann des Glaubens ins Zentrum des Geschehens gerückt. Diesen Glauben hat der einer kleinen Gemeinde im US-Bundesstaat New York vorstehende Ernst Toller (Ethan Hawke) jedoch schon fast ganz verloren. Einst war er Militärpfarrer, hatte seinem Sohn zu einem Einsatz im Irak geraten, bei dem dieser starb. Seine Ehe scheint an seinen Schuldgefühlen deswegen zerbrochen zu sein. Seinen Schmerz schreibt er sich in Form eines Tagebuchs von der Seele, wenn er ihn nicht gerade mit Whiskey zu betäuben versucht. Zudem hat Toller Blut im Urin…

Und so predigt er Sonntag für Sonntag mit wenig Überzeugung und tröstet so gut er kann die Seelen von Menschen wie Mary (Amanda Seyfried) und deren Ehemann Michael (Philipp Ettinger), einem Umweltaktivisten, der droht, ihr gemeinsames noch ungeborenes Kind zu töten, weil er überzeugt ist, dass das Leben auf der Erde spätestens im Jahr 2050 nicht mehr lebenswert sein wird.

Nicht nur der unglaublich starke Moment, in dem Toller die Leiche des sich selbst gerichteten Michael im Wald findet, sondern der ganze Film ist von Ingmar Bergmans „Licht im Winter“ aus dem Jahr 1963 inspiriert. Ursprünglich wollte Schrader sogar wie Bergman in Schwarzweiß drehen, doch immerhin konnte er das klassische 4:3-Format durchsetzen.

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Filmen wäre eine eigene Untersuchung wert. Wo Bergman sich fast ganz auf die Frage nach der Existenz Gottes konzentriert, kommen bei Schrader Züge von Gesellschaftskritik sowie Thriller-Elemente hinzu. Daraus ergibt sich jedoch nicht zwangsläufig, dass Ernst Toller dem Pfad von Travis Bickle bis hin zum Amoklauf folgen muss, auch wenn Toller eine ganz neue Macht in aufsteigen spürt, als er sich eine Sprengstoffweste anlegt, die er in der Garage des Toten findet.

Mit seiner erzählerischen und inszenatorischen Raffinesse zeigt sich Paul Schrader hier absolut auf der Höhe der Zeit, und so ist es besonders schade, dass „First Reformed“ nach seiner Premiere im vergangenen Jahr in Venedig und weiteren Aufführungen auf dem Filmfest München und nun in Oldenburg, wo er vom Produzenten Frank Murray vorgestellt wurde, wohl nicht mehr im Kino zu sehen ein wird. Aber vielleicht findet sich ja doch noch ein Verleih.

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