Oldenburg „Tito“ ist der lauteste Stummfilm der letzten Jahre. Denn Grace Glowicki nutzt als vorrangige erzählerische Instanz nicht etwa Sprache. Vielmehr lässt sie den Zuschauer durch ausdrucksstarke Bilder und brachiale Soundeffekte in die Innenwelt des von ihr selbst gespielten männlichen Protagonisten Tito eintauchen. Und diese ist von sozialen Ängsten und Panikattacken regelrecht zerfressen. Gewiss wird auch gesprochen, vor allem Titos Klischee-Kiffer-Nachbar, glaubhaft gespielt von Ben Petrie, ertränkt Tito in einem See aus Worten reinster chauvinistischer Belanglosigkeit. So, dass die Sprache eher als ein aggressives Geräusch gewertet werden kann. Dies ist als Zuschauer schwer zu ertragen, aber auch Tito leidet unter der besitzergreifenden und zunehmend gewalttätigen Invasion seines Nachbarn, der sich mit Junkfood und Cannabis in dessen Einsiedlerleben drängt – jedenfalls hämmert Grace Glowickis Overacting genau dieses Leiden durch die Leinwand in den Kinosaal.

Jonas Vogt studiert Germanistik und Philosophie an der Uni Oldenburg. (Foto: Filmfest Oldenburg)
Doch das Overacting, welches insbesondere am Anfang des Filmes sehr ausgeprägt ist, sich aber angenehmerweise zunehmend verläuft, ist auch der einzige Kritikpunkt. Denn die Darstellung psychischer Erkrankung und systematischer Entmachtung gelingt in Glowickis Spielfilm-Regiedebüt auf vielschichtige Weise – seien es rohe Distortion-Sounds, subtile Spiele mit der Farbgebung oder immersive Kameraführung. Die Abbildung von Angststörung und sozialer Phobie ist dabei auch fair. Man hat nicht das Gefühl, dass Betroffene bloßgestellt werden, vielmehr wird Empathie ausgelöst. Die Liebe zum Detail und die kluge Symbolik erzeugen eine große Sogwirkung, die über die 70 Minuten des Filmes weit hinausragen und das Nachdenken über Geschlechterrollen anstoßen. Wenn man dieses Indie-Drama als experimentellen Film einordnen möchte, darf man sagen: Das Experiment ist gelungen.

„Tito“ ist beim Filmfest Oldenburg am Freitag ab 19 Uhr und am Samstag ab 16.30 Uhr im Cine k zu sehen.

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