Oldenburg Dieser Film ist eine Zumutung. Denn so konsequent wie in „Cuck“ ist selten ein junger Mann in die Hölle fortwährender Demütigungen geschickt worden. Mit „Schwächling“ wäre der titelgebende Begriff nur unzureichend übersetzt. Denn was der junge, weiße Held dieses Debütfilms von Rob Lambert durchleiden muss, umfasst etliche Spielarten sexueller, sozialer und nationaler Frustration bis hin zur völligen Zerstörung des Selbstwertgefühls.

Ronnie lebt in einem heruntergekommenen Teil von Los Angeles, ist zu schwach für seinen Traumberuf bei der Army und fängt sich furchtbare Körbe bei Frauen ein, so nett er auch fragt. Statt Frauen in seinem Alter zu treffen, schrubbt er seine kranke Mutter in der Badewanne. Zugleich sieht er sich umgeben von vermeintlichen Ausländern, die schöner, klüger und erfolgreicher sind als er. Als Ronnie seinen persönlichen amerikanischen Traum in Gestalt einer pinkblonden Porno-Schönheit wiederzufinden glaubt, erfährt er nur, dass er durch ein Gemenge von Onanie, Youtube, Trump-Patriotismus und Waffennarretei noch tiefer sinken kann. Schließlich bleibt ihm nur ein Ausweg: der Griff zur Pistole.

Der Trailer zu „Cuck“ hat in den USA schon eine hübsche Entrüstung ausgelöst. Wieder ein Film, um den weißen Mann in den Dreck zu ziehen, schimpfen Tausende Youtube-Zuschauer. „Wir haben einen Nerv getroffen“, entgegnet Lambert, der sich und seinen Film in exquisiter Gesellschaft weiß. In den US-Kinos soll „Cuck“ zeitgleich mit dem gerade in Venedig ausgezeichneten „Joker“ erscheinen, in dem Joaquin Phoenix eine ganz ähnlich gebeutelte Natur spielt.

Von einem Amerika der Freiheit, gar einem Stolz auf alte republikanische Werte ist in „Cuck“ jedenfalls nichts übrig. Als Sündenfall dieser ultimativen amerikanischen Trostlosigkeit lässt sich der Golfkrieg ausmachen, durch den Ronnies Vater sein Leben verlor. Von dort ziehen die Autoren eine Linie direkt zu Trump und seinen Anhängern. In einer trügerischen Gemeinschaft, die auf Fremdenhass gründet, findet sich Möchtegern-Patriot Ronnie schließlich umso verlassener wieder.

Für die Rolle des dicklichen Verlierers hat Darsteller Zachary Ray Sherman etliche Kilo zugelegt. Vor allem seiner Leistung ist es zu verdanken, dass „Cuck“ letztlich doch mehr ist als ein Positionspapier aus dem Anti-Trump-Lager. Wenn der tapsige Ronnie uns Zuschauer aus großen, bärigen Augen anblickt, lässt sich die totale Schutzlosigkeit dieser Seele nachempfinden. Böse ist dieser junge Mann nicht. Nur das schwache Kind einer verlorenen Nation.

Beim Oldenburger Filmfest ist „Cuck“ als Internationale Premiere zu sehen. Der Film läuft am Donnerstag ab 21.30 Uhr im theater hof/19 und am Freitag ab 16.30 Uhr im Cine k/Studio.

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Timo Ebbers Ltg. / Online-Redaktion
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