Oldenburg /Elsfleth Wenn das Wort vielseitig auf die Fähigkeiten eines Menschen zutrifft, dann auf den Oldenburger Juristen, Theaterkritiker und Autor Erich Schiff, der vor fast genau 50 Jahren, am 20. Juni 1970 verstorben ist. Schiff war nicht nur ab 1910 als Rechtsanwalt in Oldenburg niedergelassen, er war Theatersyndikus und in den 20er Jahren Mitglied des städtischen Bühnenausschusses, war als Autor und Theaterkritiker tätig, schrieb Revuen und niederdeutsche Theaterstücke.

Weil seine Großeltern Juden waren, galt Schiff (geboren am 16. Mai 1882), der aus Elsfleth stammte und evangelisch-lutherisch getauft war, in der Ideologie und nach den Gesetzen der Nationalsozialisten als „Halbjude“. Die Oldenburger Tageszeitung „Nachrichten für Stadt und Land“ setzte Schiff schon nach der von den Nationalsozialisten gewonnenen Landtagswahl 1932 als Theaterkritiker ab.

Antisemitische Briefe

Er hatte oft Briefe mit rassistischen Anspielungen und Anwaltsdrohungen bekommen. „Er parierte sie mit dem Hinweis auf die fortschreitende Zersetzung des künstlerischen Ehrgefühls und behielt recht. Das war schon 1923 …“, schrieb der Theaterkritiker Karl Veit Riedel. Auch Schiffs berufliche Existenz wurde durch die Machtübertragung auf die Nationalsozialisten infrage gestellt. Am 1. April 1933, dem Tag der ersten Boykottmaßnahmen gegen Juden, stand vor dem Haus von Schiff eine SA-Wache mit dem Schild „Nehmt keinen jüdischen Rechtsanwalt“. Im November 1933 wurde Schiff aus dem Deutschen Anwaltsverein ausgeschlossen, 1934 als Syndikus des Oldenburger Automobil-Clubs abgesetzt. Schiff wurde aus der Schülerverbindung „Prima Oldenburgensis“ und der Casino-Gesellschaft ausgeschlossen, der er gleich nach dem Studium beigetreten war. Seine Einnahmen schwanden. Sein Haus wurde beschmiert. „Ebenso wurde des Öfteren das Gerücht verbreitet, dass meine Frau Jüdin ist.“

Die Erniedrigung und Drangsalierung der Juden kulminierte in den Kriegsjahren. Schiff blieb zwar zunächst Rechtsanwalt; Anzeigen durfte er aber als Rechtsanwalt nicht mehr in der „Oldenburgischen Staatszeitung“ aufgeben. Sein Haus wurde 1939 von der Gestapo durchsucht, ab 1942 durfte er keine Lehrlinge mehr ausbilden. „Als Folge dieser Verfolgungen erlitt ich Mitte 1942 einen Nervenzusammenbruch, der bis etwa Mitte 1943 dauerte.“ Im Herbst 1944 wurde Schiff von der Gestapo verhaftet, kam in ein Lager und musste Zwangsarbeit leisten. Am 18. Oktober 1944 kam er mit seinen Brüdern Arnold und Elimar ins Arbeitslager Lenne bei Holzminden, wo die sogenannte Vergeltungswaffe V2 hergestellt wurde und, so Schiff 1947, „wo ich schwerste Arbeiten zu leisten hatte und wie ein Verbrecher behandelt wurde“. Am 16. Dezember 1944 wurde Schiff aus der Haft entlassen. Das Reichssicherheitshauptamt in Berlin versuchte noch im März 1945 seine Akten zu bekommen, sie wurden im April dorthin gesandt, mittlerweile in eine von den Russen besetzte Stadt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schiff wieder als Rechtsanwalt tätig. Und er schrieb auch wieder für das Theater, wo ja teilweise die im Publikum saßen, die ihn einst drangsaliert oder seine Ausgrenzung betrieben hatten. 1948 erfreute er das Oldenburger Publikum mit der Kramermarktsrevue „Spitzbuben“. Zu seinen Stücken, die regelmäßig von der August-Hinrichs-Bühne gespielt wurden, zählen „De lüttje Wippsteert“, Klävermann speelt Lävemann“, „Lögen hefft korte Been“ oder „Dat Geld liggt up de Bank“. 1960 erhielt Schiff das Bundesverdienstkreuz, noch bis 1969 war er als Anwalt tätig. Er starb am 20. Juni 1970.

Zoff um Brecht

Eine Erinnerung an Erich Schiff wäre nicht vollständig ohne den Hinweis auf Bertolt Brecht. Der war, unter anderem durch „Trommeln in der Nacht“ bekannt geworden, am 14. Januar 1927 nach Oldenburg zu einer Lesung ins Schloss gekommen. Brecht las aus „Leben König Eduards des Zweiten von England“, und Theatersyndikus Schiff ging in der Pause. Als August Hinrichs als Rezensent in den „Nachrichten für Stadt und Land“ wohlmeinende Worte für Brecht fand, konterte Schiff. Brecht habe sich „weder durch außergewöhnliche Geistigkeit, noch durch Originalität der Form“ ausgezeichnet, eher durch „Spärlichkeit des Gebotenen“. Das saß. Oldenburg hatte seine Kulturdebatte. Für den Veranstalter, die Vereinigung für junge Kunst, antwortete der Jurist und Kulturförderer Dr. Ernst Beyersdorff, Schiff sei als „einzigster“ in der Pause gegangen.

Man muss noch wissen, dass Schiff seit 1924 in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Maria Martinsen verheiratet war. Sie war 1929, zwei Jahre nach der Brecht-Lesung, in der Oldenburger Inszenierung der Brecht‘schen Dreigroschenoper in der Rolle der Spelunken-Jenny zu sehen (und 1979, also 50 Jahre später, als Celia Peachum, der Frau des Bettlerkönigs, in einer Inszenierung zum 50. Jahrestag der Oldenburger Erstaufführung der Dreigroschenoper).

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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