Oldenburg Heute ist sich die Forschung sicher: Else Schüler, die sich mit unterschiedlichen Angaben über ihr Geburtsjahr selbst immer wieder verjüngte, wurde vor 150 Jahren in Elberfeld, einem heutigen Teil der Stadt Wuppertal, geboren und heiratete dort 1894 den Arzt Bertold Lasker.

Ihr schriftstellerisches Debüt hatte sie bereits um 1900 gegeben und sich bis in die 1920er Jahre einen festen Platz in der Literaturwelt erarbeitet. Auch als Zeichnerin war die in zweiter Ehe mit dem Berliner Schriftsteller, Verleger und Galeristen Herwarth Walden verheiratete Dichterin, begabt. Doch es ist kaum bekannt, dass die vielleicht berühmteste deutsche Lyrikerin des frühen 20. Jahrhunderts auch für eine Lesung nach Oldenburg reiste.

Auf Einladung der von dem kunstsinnigen Juristen Ernst Beyersdorff im Vorjahr gegründeten „Vereinigung für junge Kunst“ gab die Dichterin am 1. Februar 1923 im Oldenburger „Civilcasino“ einen Einblick in ihr Schaffen. Else Lasker-Schüler eröffnete damit die Reihe der prominent besetzten Autorenlesungen, in der in den Jahren bis zur Auflösung des Vereins 1933 Auftritte von Bertolt Brecht, Franz Werfel, Alfred Döblin, Erich Kästner und Gottfried Benn folgen sollten.

Obwohl Else Lasker-Schüler in Briefen, die sie unter ihrem Alter ego Prinz Jussuf wenige Tage vor ihrer Reise nach Oldenburg verfasst hatte, über gesundheitliche Probleme und Fieber klagte, fand die Lesung wie vereinbart statt. Den Vereinsvorsitzenden bat sie lediglich um die Bereitstellung eines warmen Schlafplatzes: „gern nehm ich Einladung an wenn ich nicht im kalten Zimmer schlafen muss. Gern am liebsten liege ich auf einem Sopha oder Chaiselongue (...) im Ess- oder Wohnzimmer.“

In einer Ankündigung der Lesung in den Oldenburger Nachrichten hieß es im Januar 1923: „Niemand, der sie je gehört hat, wird sich dem eigentümlichen Zauber ihres Vortrags entzogen haben. Wie eine Märchenerzählerin spinnt sie die Zuhörer in ihre Netze. Und Märchen, klangliche Wunder, sind ihre Dichtungen selbst, kostbare Gewebe der Sprache, teppichartig und reimlos, in jener rhythmischen Prosa.“

Die erhaltenen Rezensionen in den eher konservativen Oldenburger Nachrichten und der progressiven Oldenburgischen Landeszeitung zeugen von einer gemischten Resonanz des Abends.

Anhand dieser Kritiken kann jedoch zum Teil nachvollzogen werden, welche Werke die Lyrikerin in Oldenburg zu Gehör brachte: Auszüge aus dem Geschichtenbuch „Der Prinz von Theben“ (1914) sowie den „Hebräischen Balladen“ (1913) nahmen die Hörer mit auf eine Reise ins Morgenland.

Während das Oldenburger Publikum auf die 54-jährige jüdische Dichterin eher verhalten reagierte, hatte sie der Wiener Literaturkritiker Karl Kraus bereits 1910 zur „stärkste(n) und unwegsamste(n) lyrische(n) Erscheinung des modernen Deutschland“ erklärt.

Else Lasker-Schüler, die 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen musste und zeitweise in der Schweiz lebte, wurde 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1945 starb sie – enttäuscht vom Leben in Palästina und zutiefst erschüttert von der politischen Situation in ihrem Heimatland – einsam und verarmt in Jerusalem.

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